Himmel über Tasmanien
aber die Ausgabe hatte sie nie abgeschreckt, auch wenn Clarice entsetzt reagiert hätte, wäre sie jemals hinter dieses kleine wöchentliche Abenteuer gekommen.
»Oh, sieh mal dort. Wie niedlich.«
Lulu lachte entzückt, als sie die tapfere kleine Fähre zu den Stufen an der Landestelle tuckern sah. Der Steuermann war vermutlich der Enkel des ursprünglichen Kapitäns, und die Fähre war um einiges besser als das Original. »Ich bin froh, dass sie noch fährt«, sagte sie und erklärte, warum, bevor sie weiterfuhr.
Mit dem Fluss zur Rechten und der Stadt zur Linken folgte sie der vertrauten schmalen Straße, die geschottert worden war, seitdem Lulu sie zuletzt gesehen hatte, hinein in den Tunnel aus uralten Kiefern und wieder hinaus in die Sonne. Das Haus, das sie stets bewundert hatte, stand noch immer an der Ecke, weiß leuchtend, die Geländer der Veranden jetzt von einer schlafenden Kletterrose überwuchert, der Garten gepflegt wie immer unter einer ausladenden Araukarie.
Ihr Herz begann vor freudiger Erwartung zu hämmern,während sie um die langgestreckte Kurve fuhr. Die Grasfläche zwischen Straße und Ufer war noch da, aber die dicht gepflanzten Stauden versperrten ihr die Sicht auf das Meer. Sie beugte sich vor, packte das Steuerrad, als die Kurve auslief, und sie sah den Sportplatz – die Koppeln, das Spielfeld – und schließlich den Strand.
Sie lenkte den Wagen auf das Gras und stellte den Motor ab. »Oh, Dolly«, hauchte sie mit tränenerstickter Stimme. »Ich bin zu Hause – ich bin wirklich und wahrhaftig zu Hause.« Ohne auf eine Antwort zu warten, öffnete sie die Tür und stieg aus.
Der Wind zerrte an ihren Haaren, die salzige Gischt prickelte auf ihrem Gesicht. Sie hörte die einsamen Schreie der Regenpfeifer und Möwen und atmete den Geruch von Salz und Kiefern ein. Die Flut kam herein, die Wellen spülten über den dunkelgelben halbmondförmigen Strand. Wie eine Schlafwandlerin hielt sie darauf zu.
Ihr Blick wanderte den Strand entlang, vorbei an dem kleinen Kiosk, an dem Clarice in den langen, heißen Sommern Eis und Schokoriegel gekauft hatte, bis hin zu den gefährlichen, glänzenden Felsen der Eisensteinklippe. Das Meer brach sich daran, die Gischt schoss in die Höhe und wurde vom Wind verweht, unter dem sich die Kiefern auf der Landzunge beugten. Sie hörte, wie die Flut dröhnend in das Felsloch auf der anderen Seite dieser Landzunge strömte, und das brachte die Sehnsucht zum Ausbruch, die sie viel zu lange unterdrückt hatte.
Sie vergoss Tränen der Freude und Erleichterung darüber, dass sich nichts verändert hatte – dass die Natur sie in all ihrer majestätischen Pracht nicht im Stich gelassen hatte –, denn sie hatte das Bild von diesem Strand wie ein kostbares Juwel im Herzen bewahrt, und jetzt konnte sie es offen anschauen und sich daran ergötzen.
Sie setzte sich mit dem Rücken zu den Schaukeln, auf denen sie als Kind gesessen hatte, ans grasige Ufer und zog ihre Stiefel und Socken aus. Ihre Zehen gruben sich vorsichtig in den weichen Sand, fanden ihn kühl, aber so unvergesslich. Das war ihr eigentlicher Spielplatz gewesen, auf dem sie Sandburgen gebaut und ihren Träumen nachgehangen hatte, Sand hatte an ihrem gestrickten Badeanzug und an ihrer nassen Haut geklebt, während sie sich von ihrer Phantasie in ihre eigene Welt tragen ließ.
Lulu wackelte mit den Zehen und lächelte, ging dann zum Wasser, wo die Regenpfeifer über den festen, nassen Sand trippelten. Sie warf einen Blick hinter sich und sah ihre Fußstapfen, die sich mit Wasser füllten und langsam verschwanden. Ihr war zumute, als wäre sie in eine Welt hineingeboren, die es noch zu entdecken galt, und ihre Einsamkeit machte es zu einem ganz außergewöhnlichen Geschenk.
Das Meer war noch kälter, als sie es in Erinnerung hatte, und sie schauderte, als es ihre Knöchel umspülte und an ihren Füßen sog. Bis ins Mark durchgefroren begab sie sich mit schiefem Lächeln zurück zum Rasen. Anscheinend hatte das Alter ein Bewusstsein für die Kälte mit sich gebracht, die sie als Kind nicht gekümmert hatte, denn sie war das ganze Frühjahr und den Herbst über in diesem Meer geschwommen. Sie trocknete die Füße mit den Socken ab, schlüpfte in die Stiefel und zog sich die Wollmütze über die Ohren. Die Klippe lockte, und Lulu war ungeduldig, sich wieder in Bewegung zu setzen.
Sie stapfte durch den Sand, warf einen Blick zu dem Weg, der sie an dem kleinen Haus vorbeiführen würde, in dem sie
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