Im Bann der Engel
flüsterte ihm etwas zu. Der Doktor nickte und übergab mit hoheitsvoller Geste das Brot an Marcellus. Dann wischte er sich die Hände am Kittel ab und griff in die Tasche. Elena sah, dass er ein Blasrohr zückte.
»Hören Sie auf damit«, schrie Sinclair und Elena zuckte zusammen, weil sich die Spitze der Schere in ihre Haut bohrte. Noch durchdrang das Metall sie nicht, aber ein Stoß und es wäre um sie geschehen.
Elena spürte einen Luftzug an ihrer Wange, dann löste sich der Arm um ihren Hals und die Schere schepperte auf den Boden, gefolgt vom dumpfen Aufschlag eines Körpers.
Weisenhardt lächelte zufrieden und nahm Marcellus das Butterbrot wieder ab. Schmatzend steuerte er den Operationsraum an. Marcellus bat Elena, zur Seite zu treten, packte Sinclair um die Fußknöchel und zog den Bewusstlosen hinter sich her.
»Er möchte sich nicht umwandeln lassen«, beschwerte sich Elena beim Boss. »Ich dachte, die Neuen seien freiwillig hier.«
»Die anderen schon. Sinclair ist ein Querulant. Normalerweise schätze ich Freigeister, allerdings ist das Risiko zu groß, dass er gewisse Dinge ausplaudert. Es macht sich gut, auf einer Teegesellschaft mit finsteren Geheimnissen zu protzen.«
»Ich glaube nicht, dass er das tun würde.«
»Gehen Sie wieder an ihre Arbeit, Miss Winterstone. Es gilt, ein Ritual vorzubereiten.«
Wütend auf sich selbst verpasste Elena der Matte einen Tritt. Sie hätte wissen müssen, dass Sinclair versuchen würde, sie gegen Madame Hazard auszuspielen. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, hätte sie Sinclair einfach so aus dem geheimen Trakt herausspazieren lassen. Eiseskälte floss durch ihren Körper, als sie an Clara dachte.
»Hat der Boss dich gerügt?«, fragte Margaret mitleidlos.
»Wer ist heute dabei?«, lenkte Elena ab und streckte die Hand nach der Liste aus, die Margaret wie immer akribisch auf ihrem Klemmbrett fixiert hatte.
Als sei sie selbst aus Einzelteilen zusammengesetzt, überprüfte sie mechanisch alle Vorrichtungen, Kabel, Anschlüsse. Sogar die Sorte der Räucherstäbchen verglich sie mit den Vorschlägen, die das Protokoll vorsah.
Als Sinclair drei Stunden später in den Transformationsraum gebracht wurde, sah er friedlich aus. Die zornige Falte an der Nasenwurzel war verschwunden, ebenso das zynische Kräuseln der Lippen. Obgleich der medizinische Part nicht mehr ihre Aufgabe war, sah sie nach, wie die Flügel angepasst waren. Weisenhardt hatte sich Mühe gegeben. Mehr als bei den anderen. Die Flügel waren veredelt worden, feine Rinnen zogen sich wie die Adern eines Schmetterlingsflügels durch das Metall. Angeblich sorgten sie für eine Verbesserung der Flugeigenschaften. Es hatte mit dem Windwiderstand zu tun, mehr wusste sie nicht darüber. Wieder eine Information, die man ihr vorenthielt. Ästhetisch waren sie allerdings, die neuen Flügel.
Schöne dichte Wimpern hat er, dachte Elena. Ich wünsche mir aus tiefstem Herzen, dass er es schafft.
Sie klemmte die Anschlüsse des Transformators an den Vorrichtungen der Metallringe fest, die Sinclairs Hand-und Fußgelenke umschlossen, dann setzte sie sich auf ihre Matte und wartete auf die anderen.
Ihr schwante Böses, als sie Geoffrey husten hörte.
»Margaret«, sagte sie, ehe der Ritus begann, »Geoffrey ist krank. Wir müssen ihn ersetzen.«
Margaret warf Geoffrey einen prüfenden Blick zu. Dieser beeilte sich zu sagen: »Es ist nichts. Nur eine kleine Verkühlung.«
»Wir haben niemand anderen auf die Schnelle auftreiben können. Justine ist zu ihren Eltern gereist, dafür haben wir Sarah. Aber das war’s dann auch schon.«
»Dieses Mal lasst ihr mich nicht allein«, forderte Elena, deren Herz wild klopfte.
»Entspann dich«, sagte Margaret und sagte die erste Atemübung an.
Dieses Mal befanden sie sich in einem düsteren Haus. Elena hatte es noch nie gesehen. Unzählige Gänge mit verschimmelten Teppichen zogen sich wie Adern durch das Gebäude. Margaret und Elena fanden sich schnell, die anderen irrten im Haus herum. Sie hörten ihre Rufe.
»Wir müssen uns beeilen«, flüsterte Margaret.
Ein geisterhaftes Stöhnen lenkte ihre Aufmerksamkeit auf eine der verschlossenen Türen.
»Mister Sinclair?«, rief Elena.
Dieses Mal war es ein Aufheulen. »Ich bin hier. Helft mir!«
Seine Stimme, voller Qual. Elena zögerte keinen Moment und trat die wurmstichige Tür ein. Das Holz zersplitterte. Sinclair lag auf einem Himmelbett. Dunkle Schatten wogten um seinen Körper.
»Hilfe!«, ertönte ein
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