Im fernen Tal der Hoffnung
ihrem Bruder hatte ausreiten wollen. Und davor war sie jahrelang nicht an ihrer Tochter interessiert gewesen. Warum? Weil Sue Gordon einst einen Mann geliebt und verloren hatte, der nicht ihr Ehemann war, aber der Vater dieses Kindes, das sie dann ebenfalls verloren hatte.
» Du hättest mich lieben müssen«, sagte Sarah bitter zu ihrer Mutter. » Aber du warst ja so eingesponnen in deine eigene Welt, dass du etwas sehr Kostbares verloren hastâ¦Â« Sie schaltete die Nachttischlampe ein. » Nämlich mich.« Im sanften Schein der Lampe sah ihre Mutter beinahe heiter aus. Ihre Mundwinkel waren leicht nach oben verzogen, und die scharfen Falten um ihren Mund waren gemildert. Ihre Augen waren geschlossen, und sie atmete gleichmäÃig. » Ich brauchte auch Liebe. Ich brauchte deine Unterstützung.« Die Augen ihrer Mutter öffneten sich so langsam, dass es Sarah vorkam, als sei sie aus einem tiefen Schlaf erwacht. Obwohl es unwahrscheinlich war, dass ihre Mutter aus der geistigen Umnachtung, die sie umfing, zurückkehrte, beugte sich Sarah vor und fuhr mit ihrer Hand über die Augen ihrer Mutter, um zu testen, ob sie sie sehen konnte.
» Sie kann dich sehen.«
Ihr Vater stand neben ihr, eine Tüte von einem Schnellrestaurant in der einen und eine Thermosflasche in der anderen Hand. » Du musst die Vergangenheit loslassen und nach vorn schauen, Sarah«, sagte er müde. » Für uns alle musst du es tun.« Er legte die mitgebrachten Sachen auf einen Stuhl.
Sarah hätte am liebsten widersprochen, aber irgendwie lösten sich die Worte in ihrem Mund auf.
Ronald packte sie an den Schultern und drehte sie zu sich herum. » Sie ist nicht wie du, Sarah. Sie konnte nie so sein wie du. Kannst du ihr nicht verzeihen?«
Sarah schüttelte den Kopf. » Nein, Dad. Zumindest jetzt noch nicht.« Zu viel war in ihrem Leben passiert, als dass sie so einfach hätte verzeihen können. Wenn sie älter war und selbst Kinder hatte, würde sie vielleicht das Verhalten ihrer Mutter verstehen, aber jetzt nicht. Jetzt war ihr alles noch viel zu nahe.
» Eines Tages wirst du so weit sein, Sarah.« Ronald trat näher ans Bett. » In vieler Hinsicht gebe ich mir selbst die Schuld daran, dass im Leben deiner Mutter so viel schiefgelaufen ist«, gestand er leise. » Sie hat Wangallon nie geliebt. Sie passte nicht in den Busch.«
Sarah verstand, was er meinte. Ihr Vater liebte Wangallon so sehr, dass er fast sein ganzes Leben dort verbrachte, obwohl er wusste, dass sein Vater nie die Zügel aus der Hand geben würde. Und er liebte und begehrte Sue, obwohl er wusste, dass dieses Leben nichts für sie war. Das Leben auf Wangallon hatte Sue ihre Gesundheit gekostet und zum Schluss hatte es ihr noch den geliebten Sohn geraubt. Plötzlich begriff Sarah, dass ihre Mutter keinen Platz für sie in ihrem Herzen gehabt hatte, weil es schon gebrochen war, bevor Sarah auf der Welt gewesen war.
» Sie war eben ein Stadtmädchen«, sagte Ronald liebevoll. » Sie war daran gewöhnt, auf Partys und Gesellschaften zu gehen und sich hübsch zu machen. Als wir heirateten, war sie wunderschön, Sarah. Lustig und strahlend. Sie verkörperte alles, was ein Mann sich nur wünschen konnte.« Er schluckte. » Ich brachte sie in den Busch, und dort war sie vom ersten Tag an wie eine Pflanze, die nicht genug Wasser bekam. Sie hat wohl geglaubt, wir würden im Haupthaus wohnen, Personal haben wie meine Eltern und regelmäÃig nach Sydney fahren. Und am schlimmsten war, dass sie sich langweilte; zuerst auf der Farm und dann mit mir.« Ronald warf Sarah einen Blick zu und blickte dann wieder zu seiner Frau. Sarah spürte, wie traurig ihr Vater war. Seine Traurigkeit hing förmlich im Zimmer.
Und dann war ihre Mutter tot. Ein leises Keuchen, wie ein kollektives erschrecktes Einatmen im Kino, wenn etwas Unerwartetes auf der Leinwand geschieht, und dann war es still im Zimmer. Sarah betrachtete die Frau, die vor ihr im Bett lag wie eine verwelkte Blume. Sie fragte sich, wie Sue den Ãbergang vom Leben zum Tod wohl erlebt haben mochte und wie sie es eines Tages erleben würde. Bestimmt war Cameron da und sein Vater, Sues Liebhaber. Im Tod vereinigt mit den Menschen, die ihr etwas bedeuteten.
» So ist es am besten.« Ronald klang nicht überzeugt. Er wischte sich über die Augen und putzte sich geräuschvoll die Nase. SchlieÃlich
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