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Im Rausch der Freiheit

Im Rausch der Freiheit

Titel: Im Rausch der Freiheit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Edward Rutherfurd
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würde Leute wie Alva von der Teilnahme abhalten, dann kannte er die reichen und mächtigen Frauen von New York nicht. Als Vertreterin ihrer Votes for Women League hatte sie eine eigene Loge.
    »Tut mir leid, Mary«, sagte Rose, und Mary machte ein enttäuschtes Gesicht.
    »Wir warten jetzt nur noch auf einen letzten Gast«, sagte Mary, blickte zur Tür und fügte hinzu: »Und da ist sie.«
    Noch während sie sich umdrehte, ahnte Rose, um wen es sich handelte. Alva Belmont und Marbury waren schon schlimm genug, aber wenn es eine Frau in New York gab, die sie wirklich verabscheute, eine Frau, der sie nicht verzeihen konnte … Nun, sie betrat gerade das Zimmer.
    Anne Morgan. Sie trug einen breitkrempigen Hut und eine Pelzstola und sah, fand Rose, so selbstzufrieden wie stets aus. Rose hatte sie noch nie leiden mögen, aber seit sie sich mit Marbury und de Wolfe eingelassen hatte, war sie schier unerträglich. Sie hatten eine Zeitlang zu dritt in Frankreich zusammengelebt – in einer Villa in Versailles! Was bildeten die sich eigentlich ein, wer sie waren? Gekrönte Häupter? Was die genaue Natur ihrer Beziehung anbelangte, war Rose nicht unterrichtet – zum Glück, wie sie fand. Und jetzt war Anne Morgan eifrig damit beschäftigt, für die Sache der Näherinnen gewaltige Summen zu spenden, Russen und Sozialisten zu finanzieren und sich allgemein als Landplage zu erweisen. Gott allein wusste, was ihr Vater von all dem hielt.
    Wer hätte je gedacht, dass der große Pierpont,J.P. Morgan in Person, eine solche Tochter haben könnte? Anne Morgan konnte sich ja nur deswegen weiter so aufführen, weil er ihr jährlich zwanzigtausend Dollar zahlte. Rose war das völlig unbegreiflich. Warum strich er ihr nicht einfach die Apanage?
    Denn das war Roses Kritik. Wenn sie auch nur einen Augenblick lang geglaubt hätte, dass diese Frauen wirklich Anteil nahmen an den Arbeitsbedingungen von Menschen wie den zwei jungen Leuten, die sie heute mitgebracht hatte, dann wäre es ja vielleicht noch akzeptabel; aber diese reichen Frauen, Töchter alter Familien, genau die Personen, von denen erwartet wurde, dass sie in der Gesellschaft die Führung übernahmen und eine Vorbildfunktion ausübten, gerade sie gefielen sich – aus Eigennutz, Machtgier, ja Eitelkeit, wie Rose meinte – darin, Streikende zu finanzieren und um öffentliche Unterstützung für eine Sache zu werben, hinter der, da war sie sich ganz sicher, Sozialisten, Anarchisten, Elemente steckten, deren Mission es war, gerade die Gesellschaftsform, der sie ihren Reichtum verdankten, zu zerschlagen. Diese Frauen waren Verräterinnen – ahnungslos vielleicht, aber zerstörerisch. Rose hasste sie aus vollem Herzen.
    Und sie konnte sich schon die Überschriften in den Zeitungen ausmalen: »Mrs Master empfängt Mrs Belmont und Miss Morgan vor Carnegie-Hall-Versammlung.« Oder noch schlimmer: »Familie Master unterstützt den Streik.«
    Nun, dies alles bestätigte nur, wie klug sie daran getan hatte, heute diese zwei jungen Leute mitzubringen.
    *
    Als sie sich im großen Speisesaal zu Tisch setzten, konnte die alte Hetty Master nicht umhin, recht stolz auf sich zu sein. Sie hatte hart dafür gearbeitet, und die zeitliche Abstimmung war perfekt gewesen.
    Hetty hatte sich von Anfang an für die Näherinnen interessiert. Sie und Mary waren kreuz und quer durch den Textildistrikt gefahren und hatten einige Versammlungen besucht. Sie hatte sich mit Alva Belmont und anderen unterhalten. Schließlich war man darin übereingekommen, sich am Tag der Versammlung in der Carnegie Hall vorab in ihrem Haus zu treffen.
    Die Gastgeberin eines solchen Ereignisses zu sein war für eine Neunzigjährige kein unbedeutender gesellschaftlicher Coup. Wer wusste schon, wann sie je wieder eine solche Chance erhalten würde, im Mittelpunkt zu stehen?
    Hetty mochte neunzig sein, aber sie wusste, wie wichtig es war, mit der Zeit zu gehen. Wie viele Veränderungen hatte sie nicht schon miterlebt! Das Aufkommen von Eisenbahnen und Gasbeleuchtung, dann Elektrizität und Ozeandampfer und jetzt das Automobil. Sie musste erleben, wie die Academy of Music mit ihrem erlesenen Zirkel der neureichen Bagage von der Metropolitan Opera wich und Familien, von denen man noch nie was gehört hatte, wie etwa die Vanderbilts, in Mrs Astors Vierhunderterliste aufgenommen wurden. Wenn Rose einen gewissen vornehmen Anstand im Leben vermisste, so wünschte sich Hetty in den letzten Jahren ihres Lebens ein bisschen mehr Aufregung.

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