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Im Rausch der Freiheit

Im Rausch der Freiheit

Titel: Im Rausch der Freiheit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Edward Rutherfurd
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dachte Rose grimmig, sie hatte schon eine ansehnliche Schwadron zusammenbekommen. Da waren ein halbes Dutzend Vassar-Mädchen – die eigentlich gescheiter sein sollten. Rose hegte erhebliche Bedenken gegen die Praxis, Frauen aufs College zu schicken. Vassar und Barnard im Staat New York, Bryn Mawr unten in Philadelphia und die vier Colleges oben in Massachusetts – die sieben Schwestern wurden sie genannt. Alle hochachtbar, keine Frage; aber war es wirklich wünschenswert, dass Mädchen aus altehrwürdigen Familien ein Haufen närrischer Ideen in den Kopf gesetzt wurde? Rose fand nein.
    Man brauchte sich nur die Resultate anzusehen. Vassar-Mädchen waren mit Plakaten, die den Streik befürworteten, durch die Stadt marschiert. Hatten auf der Lower East Side mit den Armen zusammengelebt. Und wozu das alles? Um zu zeigen, dass sie aufgeklärt waren? Nun, zumindest konnte als Entschuldigung gelten, dass sie jung waren. Was man von der Gestalt, auf die ihr Blick als Nächstes fiel, mit Sicherheit nicht sagen konnte.
    Alva Vanderbilt – so zumindest lautete ihr Name zu der Zeit, als sie ihre Tochter Consuelo gezwungen hatte, den Duke of Marlborough zu heiraten. Alva bekam immer ihren Willen. Sie ließ sich gegen eine horrende Abfindung von Vanderbilt scheiden, heiratete August Belmont und baute in Newport ein riesiges Herrenhaus. Dann war ihr, wie Rose vermutete, langweilig geworden. Also hatte sie als Nächstes beschlossen, sich dadurch interessant zu machen, dass sie das Frauenwahlrecht forderte. Nun konnte man über dieses Thema geteilter Meinung sein, nicht aber hinsichtlich Alvas unstillbarem Durst nach öffentlicher Aufmerksamkeit. Es war typisch für Alva, dass sie, kaum dass sie vom Streik im Textildistrikt hörte, diese bemitleidenswerten Frauen vor ihren Karren spannte, indem sie behauptete, bei dem Disput gehe es um Frauenrechte!
    Zum großen Erstaunen der Fabrikarbeiterinnen erschien Alva Vanderbilt plötzlich vor Gericht, um ihre Geldstrafen zu bezahlen. Organisierte Riesenkundgebungen und Heß sogar Mrs Pankhurst, die britische Suffragettenführerin, eigens für eine Ansprache herbeischaffen. Sie verfügte zweifellos über ein Gespür für öffentlichkeitswirksame Auftritte, und die Hearst- und Pulitzer-Zeitungen legten sich für die edle Sache mächtig ins Zeug. Aber ihr geschicktester Schachzug war gewesen, sich an jene Frau zu wenden, die jetzt Rose und ihren zwei jungen Schutzbefohlenen entgegenkam.
    »Hallo, Rose. Ich hatte nicht erwartet, Sie hier zu treffen.« Elisabeth Marbury trug ein dunkles Kostüm und einen kleinen schwarzen Hut. Sie füllte stets den Raum aus, in dem sie sich aufhielt. Es lag nicht nur an ihrer ausladenden Figur; es war ihre Ausstrahlung. Als Agentin Oscar Wildes, George Bernard Shaws und vieler anderer kam und ging sie, wie es ihr passte. Sie hatte sich der Sache der streikenden Frauen angenommen und sowohl die Unterstützung der Theatergilde gewonnen als auch die reiche Familie Shubert zu üppigen Spenden bewogen. Sie hatte sogar in den – Damen der guten Gesellschaft vorbehaltenen – heiligen Hallen des Colony Clubs ein Essen für eine Gruppe von Streikenden gegeben.
    Nun, wenigstens hatte sie ihre Freundin nicht mitgebracht. Sie und Elsie de Wolfe, die Innenarchitektin, lebten schon seit Jahren zusammen. Als Liebespaar. Die feine Welt von New York, Paris und London akzeptierte diese Liebschaft, doch Rose missbilligte dies. Elisabeth Marbury musterte sie gelassen.
    »Wer sind Ihre jungen Freunde?«, fragte sie.
    Rose lächelte, führte die beiden aber ohne ein Wort der Erklärung an ihr vorbei. Die übrigen Anwesenden waren größtenteils Damen der guten Gesellschaft sowie ein paar alte Freundinnen von Hetty. Lily de Chantal lag mit Influenza im Bett, aber Mary O’Donnell, die treue Seele, war da, und Rose ging hinüber, um sie zu begrüßen.
    »Gehen Sie heute Abend in die Carnegie Hall?«, fragte Mary. »Ich fühle mich irgendwie verpflichtet, Hetty zu begleiten – sie ist fest entschlossen dabeizusein. Aber wenn Sie oder William sie mitnähmen«, fügte sie hoffnungsvoll hinzu, »könnte ich zu Hause bleiben.«
    Denn das und nichts Anderes war dieses Mittagessen: Eine letzte Strategiebesprechung vor dem großen Ereignis.
    Die heutige Versammlung in der Carnegie Hall würde der krönende Höhepunkt der letzten zwei Monate werden. Sie konnte sogar den Beginn eines Generalstreiks markieren. Eigentlich war es eine Gewerkschaftsversammlung, aber falls jemand glaubte, das

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