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In den Spiegeln (Teil 1, 2 & 3) - Die dunkle Stadt (German Edition)

In den Spiegeln (Teil 1, 2 & 3) - Die dunkle Stadt (German Edition)

Titel: In den Spiegeln (Teil 1, 2 & 3) - Die dunkle Stadt (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ales Pickar
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Taxifahrer.
    Meine Gedanken sortierten sich nur langsam.
    Da war noch dieser Duft in der Luft. Sun von Jil Sander. Nicht gerade teuer, aber definitiv originell. Einzigartig. Wie sie.
    Der Taxifahrer war geduldig.
    »Simon-von-Utrecht-Straße«, sagte ich ausdruckslos.

    * * *

    Es dauerte nicht lange und ich sah sie wieder. Ich hielt es etwas weniger als achtundvierzig Stunden aus, ohne die Nummer zu wählen, die sie mir gegeben. Sie war nicht überrascht, meine Stimme zu hören. Durch das Telefon klang sie sachlich, als ob ich eine Bestellung aufgeben wollte. Das hemmte mich ein wenig. Als ich aufgelegt hatte, sah ich noch eine Weile auf das altmodische Telefon und überlegte, in wieweit ich von der ganzen Situation zu viel erwartete.
    Sie verabredete sich mit mir. Im Cafe Flora saß sie mir plötzlich gegenüber. Sie trug ein schwarzes Sakko, darunter einen schwarzen Rollkragenpullover. Ihre punkigen Haare waren nun etwas gestylt und gaben ihr eine lesbische Note. Sie rauchte Pall Mall Deluxe, mit einem langen Zigarettenaufsatz, den ich zuletzt in Frühstück bei Tiffany´s gesehen hatte. Und das Parfum war nicht mehr Sun, sondern etwas wesentlich raueres. Passender zur Kleidung. Das sei Burberry, erklärte sie mir, als ich danach fragte. Ich hatte gehofft, dass mir das Interesse an ihrem Parfumspektrum einen satten Bonuspunkt einbringen würde, doch sie vermittelte den Eindruck, dass für sie eine solche Anteilnahme selbstverständlich war und einer Honorierung nicht würdig. Sie war undurchsichtig.
    Wir plauderten ein wenig darüber, wer wir waren und was wir machten. Ich musste etwas improvisieren, um meiner Anwesenheit in Hamburg wenigstens teilweise einen gewissen Sinn zu geben. Evelyn hingegen war eine typische Hamburger Bohemienne. Morgens schlief sie lange, nachmittags hatte sie einen Halbtagsjob im »Dark Style«, einem Laden der Leder- und Fetischkostüme verkaufte — und abends tanzte sie je nach Wochentag in drei verschiedenen Clubs.
    Ich hatte mir bereits überlegt, worüber wir sprechen könnten, um keine Kunstpausen entstehen zu lassen, die nur schlechtes Licht auf mich werfen würden. Wenn Mann und Frau sich treffen und das Gespräch stockt, ist das ein ganz schlechter Start, und schuld ist immer der Mann. Auf diesem Gebiet ist die Emanzipation nicht gefragt.
    Aber leider zündeten die Themen nicht. Die meiste Zeit schwiegen wir, wechselten ein paar Worte, bestellten nach dem Kaffee einen Drink. Ich witterte die Katastrophe.
    Definitiv eine Frau, deren Nummer du lieber nicht mehr wählen solltest.
    Dachte ich.
    Doch dann sah ich hoch von meinem Latte-Macchiato-Glas. Sie lächelte mich an. Einfach so. Als wäre alles in bester Ordnung.
    »Ich finde es nett, dass du mich nicht belaberst«, sagte sie und zog an ihrer langen Zigarettenspitze. »Die meisten Männer probieren das bei mir... Aber reden ermüdet mich so...«
    Betreten räusperte ich mich. »Für die meisten ist Schweigen peinlich. In Japan dagegen spricht man von haragei . Sprechen durch Schweigen...«
    »Beredtes Schweigen«, meinte sie. »Das gefällt mir.«
    »Die Kunst des leisen Zusammenseins...«
    »Du kennst dich aus mit Japan?«
    Ich spielte verlegen mit dem langen, schlanken Löffel. »Ich habe ziemlich viele Mangas gelesen.«
    Ich wollte immer nach Japan, aber ich hatte kein Geld. Vielleicht hatte ich einfach nur keinen Willen dafür. Oder keinen Mut? Was es auch immer war, nichts davon war bei meinem ersten Date mit Aurea förderlich.
    Auf meiner Unterlippe kauend, sammelte ich meinen Mut und legte den Löffel beiseite. »Evelyn. Ich...« Nicht das sagen, was dir durch den Kopf geht! Nicht gedankenlos plappern! Nicht alles vermasseln! »Ich kenne mich nicht so aus wie du. Du findest mich sicherlich langweilig. Ich habe in meinem ganzen Leben kaum mehr als zehn Bücher gelesen, und ich hänge bei all diesen Events rum, weil ich die Leute cool finde. Aber ich verstehe von dem meisten nur Bahnhof.«
    Sie schob ihre Tasse etwas beiseite und beugte sich weit über die metallische Tischplatte vor. Unsere Gesichter waren einen halben Meter entfernt.
    »Und ich bin vierundzwanzig, bisexuell, unabhängig, Künstlerin, single und nicht abgeneigt.«
    »Ja?«, brachte ich heraus und versuchte das trockene Schlucken zu überspielen. In meinem Hinterkopf begann es wieder einmal zu schäumen. Anscheinend stieg meine Körpertemperatur binnen Sekunden um einige Grad an.
    »Wollen wir ficken?« fragte sie und klang dabei wie eine Grenzbeamtin,

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