Kalendarium des Todes - Mord am Hellweg VI
wirklich heißt.
27. April
Bald ist Ende des letzten Monats mit Lothar. Mario und ich haben uns versprochen, uns die wahre Methode, wie wir es tun, nicht zu verraten. Nicht, dass wir den anderen bei einer Vernehmung in die Pfanne hauen …
28. April
Jeder Tag ist ein Abschied. Ich schaue Ella an und denke: Wenn du wüsstest, dass dein Leben gerade dem Ende zugeht – würdest du endlich anfangen zu leben?
Wenn sie merkt, dass ich sie anguck, grinst sie so komisch. Zu den Ferkelchen kommt sie öfter, um sie zu streicheln. Vielleicht fälsche ich eine Postkarte statt eines Abschiedsbriefes, kann man sich ja alles im Internet machen lassen. Dann sitzt Ella vielleicht irgendwo auf einer Insel. Samos. Mit einem Italiener. Oder so. Und lässt mich hier sitzen. So sähe es dann aus. Wie schade, dass ich das meinem Zuckerperlchen nicht erzählen darf – der Plan würde ihr gefallen. Sicher.
29. April
Nach und nach habe ich die Futtermittelbeigabe bei den Jungtieren reduziert. Die Eber sind immer unruhiger, sie schreien die halbe Nacht, ihr Appetit wächst.
Lothar scheint es nicht zu hören, jetzt lässt bei ihm alles nach, erst unten, dann oben.
30. April
Endlich: Walpurgisnacht. Am Förderturm wird reingefeiert, der Tanz in den Mai hört auf Techno-umpf-umpf-umpf. Ob sie auch einen Maibaum aufstellen?
Mario und ich schreiben uns heute, am 30. April, nur noch einmal als heimliche Geliebte.
Wir haben keinen Sex, heute, wir … sind ernst und feierlich und wir schreiben uns das erste Mal: Ich liebe dich. Und: Ohne dich will ich nicht mehr leben.
Morgen Abend werden wir frei sein.
1. Mai, 7:32 Uhr
Ihr Kaffee ist präpariert. Erdnüsse, zusammen mit den Bohnen gemahlen. Sie nimmt immer einen Becher – nicht vom guten Geschirr, o nein – mit in den Stall und trinkt ihn aus, während sie durch die Reihe der Ferkelchen spaziert und die Rotlichtlampen nachjustiert. Wenn sie den allergischen Schock bekommt, ist sie mittendrin. Ich lass die Eber raus, die schreien sich seit Tagen irre vor Hunger, weil ich sie längst auf Nullkost gesetzt habe. Wird eine ziemliche Sauerei. Fressen wie ein Schwein bekommt da eine ganz neue Note.
Ob mein Magen das aushält? Sollte mir vorsichtshalber einen Tee machen.
7:40 Uhr
Sein Tee ist präpariert. Wenn er sich was eingießt, dauert es zehn, zwanzig Minuten, bis die Wirkung des GHB einsetzt. Dann ist er gerade mitten im Stall. Ich muss nur noch die Eber und Muttersauen rauslassen. Die machen sich dann über ihn her. Und den Rest verbrenn ich im Kadaverofen. Die Koteletts von den Schweinen, die Lothar verspeist haben, serviere ich dann der Feuerwehr.
7:52 Uhr
Da geht sie mit ihrer Tasse seelenruhig zu den Sauen. Für einen Augenblick will ich ihr das Porzellan aus der Hand schlagen – aber dann denke ich an Perlchen, an ihren Humor, ihre Weichheit. Ihre Liebe.
Stattdessen brühe ich mir den Tee und gehe mit der Wärmekanne rüber in den Stall.
7:59 Uhr
Während ich die Laufställe von den Kleinen und Muttersäuen öffne, spähe ich zu seinem Büro hinüber. Hinter der Scheibe sitzt er und sieht mich nicht an, er nippt an seinem Tee. Ich puste, der Kaffee ist zu heiß. Dann probiere ich. Doch, geht.
8:04 Uhr
Mir ist ganz koddrig. Richtig schlecht! Das schlechte Gewissen, oder doch so etwas wie ein Rest Zuneigung?
Was macht Ella da? Sie trinkt, stellt die Tasse beiseite … und zieht sich erst ihren Pulli aus, dann noch einen … und noch einen … Donnerwetter, die ist ja dünn geworden!
8:06 Uhr
Seine Augen platzen ihm gleich aus dem Gesicht. Ich bekomme Herzrasen, das muss Vorfreude sein. Himmel, ist mir heiß, ich glaube, ich muss mich überge…
08:07 Uhr
Na, endlich fällt das Biest um! Jetzt schnell, die Eber raus! Mir ist so übel, gleich kommt der Plockenhusten hoch. Aber ich zieh das jetzt durch. Denn wenn nicht, kriegen sie mich dran … und da kommen die ersten Schweine im Galopp an … verdammt, die falsche Richtung! Hopp, hopp, zu Ella!
Keine Chance, das Biest will mich beißen – »Hau ab!« – ich muss es zu ihr locken, aber irgendwas stimmt nicht, ich kann meine Beine kaum bewegen, und wie ich da so auf sie zulaufe und sie in ihrer Kotze liegen sehe, weiß wie ’ne Stallwand, da brechen mir die Knie weg.
Ich glaub, das Aas hat mir was in den Tee getan!
8:10 Uhr
Ich seh ihn auf mich zukriechen, den Eber im Genick. Er beißt ihm in den Gummistiefel. Ich glaub, er hat zwei von Lothars Zehen mit erwischt. Da kaut er länger dran.
Die Ferkel
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