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Kardinal vor La Rochelle

Kardinal vor La Rochelle

Titel: Kardinal vor La Rochelle Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: R Merle
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brach auf. Während ich mit Nicolas zur Beletage hinanstieg, hieß ich ihn, mich in fünf
     Minuten in meinem Zimmer aufzusuchen, ich hätte ihm Wichtiges mitzuteilen.
    Bei meinem Eintreten erblickte ich wie stets Perrette, die auf einem niedrigen Sitz vorm Feuer kauerte. Sie erhob sich und
     machte mir eine artige Reverenz, und als ich sie in die Arme nahm, sagte ich ihr, wie gut sie rieche. Sie habe sich, sagte
     sie, in meinem Zuber von Kopf bis Fuß gebadet und vor dem Feuer trocknen lassen, was köstlich gewesen sei. Und ich freute
     mich, eine Kammerfrau zu haben, die besser roch als so manche hohe Dame am Hof, die ich beim Namen nennen könnte und die ihre
     Hände mit Parfüm tränkte, indem sie sich brüstete, sie habe sich seit vierzehn Tagen die Hände nicht gewaschen.
    »Perrette«, sagte ich, »gleich kommt Herr von Clérac mich besuchen. Geh solange ins Kabinett hinüber, halte dich mäuschenstill,
     und daß du mir nicht an der Tür lauschst«, setzte ich lächelnd hinzu.
    »Das habe ich noch nie getan!« rief Perrette feurig, »und werd es auch jetzt nicht tun.«
    »Ich weiß«, sagte ich. »Ich vertraue dir, Perrette.«
    Besänftigt lächelte sie mir zu und verschwand in dem Kabinett. Ich fragte mich, ob ich mir nicht die Stiefel ausziehen sollte,
     denn nach diesem langen Tag schmerzten meine Füße ein wenig. Doch dann beschloß ich, es nicht zu tun, um der Unterredung mit
     Nicolas eine gewisse Feierlichkeit zu geben.
    Nach genau fünf Minuten, mit militärischer Pünktlichkeit, |199| klopfte Nicolas an meine Tür und erschien ebenfalls von Kopf bis Fuß korrekt gekleidet, allerdings war er mir noch nie anders
     vor die Augen getreten.
    »Nicolas«, sagte ich, »nimm hier am Feuer Platz. Der Brief, den ich erhielt, war zwar an mich adressiert, ist aber in Gänze
     für dich bestimmt, und somit übergebe ich ihn dir.«
    Nicolas versenkte sich in das Schreiben, und ich konnte von seinem jungen Gesicht ablesen, welche Empfindungen ihn bewegten:
     Überraschung, Freude, Entgeisterung. Dann ließ er den Brief sinken und starrte ins Feuer, als stünde dort die Antwort auf
     die Frage geschrieben, die der Brief ihm stellte.
    Was mich anging, so hielt ich mich die ganze Zeit lang still, denn so deutlich ich auch sah, daß er nicht wußte, welche Entscheidung
     er fällen solle, wollte ich ihm meine Hilfe doch nicht aufdrängen, bevor er sie erbat.
    »Herr Graf«, sagte er endlich, »ist es nicht höchst ungewöhnlich, daß ein wohlgeborenes Fräulein, das doch sicherlich mit
     großer Sorgfalt erzogen wurde …«
    »Und ob!« fiel ich in seine Rede ein, »mit der größten Sorgfalt sogar! Ihre Gouvernante hat sie ganz gewiß gelehrt, vor einem
     Edelmann die Lider zu senken, seine Avancen nicht zu erwidern, ihm niemals in die Augen zu blicken, und wenn er ihr schreibt,
     seine Briefe zu zerreißen, und sollte sie auf ihrem einsamen Lager im Gedenken an ihn erschauern, am nächsten Tag zu ihrem
     Pfarrer zu stürzen und diese verdammenswerte Sünde zu beichten.«
    »Ihr spottet, Herr Graf.«
    »Ich verspotte die Erziehung, die du offenbar gutheißt. Mademoiselle de Foliange hat sich die Freiheit genommen, dir als erste
     zu schreiben. Folglich ist sie sittenlos.«
    »Herr Graf, ich habe nicht gesagt, daß das Fräulein sittenlos sei.«
    »Aber du verurteilst ihren Schritt.«
    »Nun ja«, sagte Nicolas errötend, »man muß schon zugeben, daß er sehr ungewöhnlich ist.«
    »Die Umstände sind es auch.«
    »Was meint Ihr damit, Herr Graf?«
    »Ein Fräulein aus gutem Hause ist drauf und dran, für einen ihr fremden Glauben Hungers zu sterben.«
    »Gewiß«, sagte Nicolas, »deshalb beklage ich sie auch von |200| ganzem Herzen, und manchmal liege ich nachts ganz in Tränen darüber wach, welche Leiden sie aussteht.«
    »Dann müßtest du auf dem Gipfel deines Glückes sein, denn an dich hat sie gedacht, damit du sie aus dieser Hölle befreist.«
    Aber Nicolas zog ein Gesicht, das ganz zerfurcht war von Zweifel und Kummer, wußte nichts zu erwidern und blieb stumm. Es
     tat mir leid, ihn so unglücklich und in lauter Widersprüche verstrickt zu sehen, aus denen er bei seiner Jugend keinen Ausweg
     wußte. Ich legte ihm die Hand auf die Schulter.
    »Nicolas«, sagte ich, »möchtest du, daß ich dir helfe, den Wirrwarr deiner Gedanken zu entwirren?«
    »Ihr würdet mich glücklich machen, Herr Graf.«
    »Entsinnst du dich, wie ich dir riet, dem Fräulein nicht zu schreiben, wie du es zuerst

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