Katzentisch - Ondaatje, M: Katzentisch
– ein Bild für das »Bezwingen« durch die Liebe. Liebe als Mord oder als Vernichtung des schwächeren Partners. Aber wenn man diese Arbeiten in der großen Rotunde hängen sah oder in einem der geräumigen, aber abweisenden Räume, erkannte man ihre wahre Aufgabe, die darin bestand, einen Garten in ein kahles Steingebäude zu bringen. Diese Tapisserien waren in kalten Dachstuben in einem Land des Nordens gewebt worden, in Gegenden, in denen es weder Wildschweine noch Tauben oder das üppige Grün gab, die sie zeigten. In ihrer neuen Umgebung waren sie wunderschön. Sie besaßen Würde. Die verwendeten Farben waren bescheidene Farben, die nichts Auftrumpfendes hatten; eine lebende Florentiner Schönheit, die sich in ein paar Schritten Entfernung vor einer dieser Tapisserien bewegte, konnte durch diesen Hintergrund geadelt erscheinen. Manche von ihnen enthielten politische Symbole, die auf Besitzverhältnisse oder den Rang eines Besitzers anspielten. Sie zeigten das Familienwappen der Medici, die fünf roten Kugeln des Sonnensystems und die eine blaue, die hinzugekommen war, nachdem die Medici sich mit dem französischen Königshaus verschwägert hatten.
»Diese Kunst hat etwas Beruhigendes, nicht wahr?«
Horace und ich befanden uns in dem Capone-Zimmer mit den Wandfresken, und es dauerte einen Augenblick, bis ich begriff, dass er mich ansprach. Ich arbeitete seit über einem Monat in der Villa, und bislang hatte er mich ignoriert. Er streckte die Hand aus, als wollte er einen gemalten Vogel von dem blauen Himmel pflücken.
»Aber Kunst ist nie beruhigend. Das alles hier ist nur eine kleine Kammer in einem Leben.« Für jemanden, der als Kunstliebhaber galt, schien er verächtlich darüber zu sprechen.
»Kommen Sie mit.« Und er ergriff mich behutsam am Ellbogen, mit einer akkuraten Geste, als wäre der Ellbogen der einzige Körperteil, den die Konventionen zu berühren gestatteten – zu berühren und damit teilweise in Besitz zu nehmen. Er führte mich den Flur entlang bis in die Große Rotunde, in der ein fast zwanzig Meter langer Wandteppich hing. Er hob einen Zipfel an und zeigte mir die Rückseite, auf der die Farben unversehens leuchtend und kraftvoll waren.
»Sehen Sie, da ist die Kraft. Immer. An der Unterseite.«
Er entfernte sich von der Tapisserie und ging zur Mitte des runden Saals; er wusste, dass seine Stimme sowohl bis zur Wand als auch bis zu der fernen Zimmerdecke dringen würde.
»Vermutlich haben mehr als hundert Frauen über ein Jahr lang an diesem Teppich gearbeitet. Sie haben darum gekämpft, daran arbeiten zu dürfen. Er hat sie ernährt. Er hat sie 1530 am Leben erhalten, hat sie einen Winter in Flandern überleben lassen. Und das verleiht diesem sentimentalen Bild Wahrheit und Tiefe.«
Er wartete schweigend, bis ich zu ihm trat.
»Sagen Sie mir, Perinetta – Sie heißen doch Perinetta? –, wer das hier gemacht hat. Hundert Frauen mit ihren kalten und rissigen Händen? Der Mann, der den Entwurf gezeichnet hat? Ein Jahr und ein Ort, die haben es gemacht. Es war eine Zeit, als ein Künstler nur durch den Ort identifiziert werden konnte, woher er kam oder wo er zuletzt gearbeitet hatte. Städte erheben Anspruch auf die Urheberschaft der Hälfte aller europäischen Meisterwerke. Sehen Sie nur – hier ist das Stadtwappen von Oudenaarde. Aber man muss natürlich auch bedenken, welcher Medici das Kunstwerk für den Gegenwert der Staatskasse einer kleinen Nation gekauft und nach Italien gebracht hat, von Wächtern und gedungenen Räubern bewacht, tausend Meilen weit …«
Wenn er so erzählte, mit dieser Selbstsicherheit, ließ ich mich bereitwillig von ihm lenken. Als er zum erstenmal mit mir sprach, war ich sehr jung. Mit der Macht, die mit Geld und Wissen einhergeht, machen Männer sich die Welt untertan. Das verleiht ihnen eine unangestrengte Überlegenheit. Aber solche Leute schließen einen von vielem aus. In ihrer Welt gibt es bestimmte Chiffren, es gibt Räume, die man nicht betreten darf. In ihrem Alltag ist immer irgendwo eine Schale voll Blut. Und das war ihm bewusst. Horace Johnson wusste, wen er seinem Einfluss unterwarf. Mit solchem Wissen geht eine gewisse Brutalität einher. Damals wusste ich das nicht. Nicht an jenem Nachmittag, als er mich am Ellbogen hielt und in die große Rotunde führte und mit derselben Hand den Zipfel des Wandteppichs wie den Rock eines Dienstmädchens anhob, um die bunte Unterseite zu enthüllen.
In dieser Welt verbrachte ich drei
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