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Klar sehen und doch hoffen

Klar sehen und doch hoffen

Titel: Klar sehen und doch hoffen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Friedrich Schorlemmer
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diese zu sehr auf ihr Vor-Leben fixiert waren. Andererseits legten sie etwas vom Innenleben und der Verführungskraft der marxistischleninistischen Ideologie offen. Diese frühen Einsichten haben mir 1989/90 geholfen, auf diejenigen zuzugehen, die bis zum Schluss das sozialistische System mit innerer Überzeugung vertraten und in ihrer Realitätsverweigerung verharrten. Jahrelang hatten sie Plakate aufhängen lassen, die vom Sieg und von der Überlegenheit des Sozialismus kündeten, auch aufGebäuden, die den Niedergang manifestierten und vom Zerfall gezeichnet waren.
    Liesel Steinwender, jene Freundin aus Hamburg, besuchte uns als »Bekannte« (das Wort »Freunde« durfte man auf den Besuchsanträgen nicht verwenden!) Anfang 1973 auch in Merseburg. Sie wollte allein in die Stadt gehen. Nach etwa zwei Stunden kam sie zurück, völlig verstört. Mit verweinten Augen sagte sie zu uns, dass sie gleich morgen wieder abfahren müsse. Warum? Sie hielt den Anblick der verfallenen Häuserzeilen und die unerträgliche ökologische Belastung nicht aus. Sie war entsetzt, wie man alles so verkommen lassen kann. Über diese schnelle Abreise waren nun wir wiederum verstört. Als ich 1982 zur Hochzeit meiner jüngsten Schwester das erste Mal in die Bundesrepublik fahren durfte, verstand ich Liesel. Diesen Kontrast mussten Westbesucher aushalten. Sie konnten es nicht sagen, weil sie es uns nicht noch schwerer machen wollten.
    Wolf-Dieter Zimmermann, verantwortlich für den Kirchenfunk im RIAS, besuchte alljährlich zur Weihnachtszeit Verwandte in Großkorbetha und kam zusammen mit seiner Frau Friedrike seit 1975 in meine Heiligabend-Nacht-Mette in die Stadtkirche zu Merseburg. Er hatte in den 30er-Jahren einen Briefwechsel mit Ernst Barlach geführt. Seit meinem 14. Lebensjahr begleitet, inspiriert und tröstet mich dieser Güstrower Künstler mit seinen Skulpturen, seiner Prosa, seinen Briefen – seiner Haltung! Mindestens einmal im Jahr »muss« ich dorthin. Barlach imponiert mir in seiner religiösen Tiefe und Weite. Es waren schöne Herausforderungen, zu Barlach-Jubiläen und -Ausstellungen zu sprechen in Ratzeburg und Güstrow, in Braunschweig und Hamburg.
    Und für unsere Friedensbewegung war das Magdeburger Ehrenmal stets neu aufrüttelnder Fixpunkt. Einer der in den Feuersbrünsten des bombardierten Berlin erhalten gebliebenenBriefe Barlachs an den jungen Theologen Zimmermann wurde mir besonders wichtig.
    Am 18. Oktober 1932 schrieb Barlach: »Die Umgrenztheit eines bestimmten, religiösen, philosophischen oder allgemein weltanschaulichen Daseins ist gewiss ein Glück, gewiss kein Verdienst. Ich will gestehen, sie scheint mir oft beneidenswert – aber es ist mir nicht gegeben. Das Werden in mir ist schrankenlos, solange ich Vertrauen habe, dass es mich hebt. Aber wenn es mich wer weiß wohin brächte, ich würde nicht ein Wort der Klage finden.« Weiter heißt es: »Sehen Sie, man will ›wissen‹ und verlangt nach dem Wort, aber das Wort ist untauglich, bestenfalls eine Krücke für die, denen das Humpeln genügt. Und dennoch ist im Wort etwas, was direkt ins Innerste dringt, wo es aus dem lautersten, der absoluten Wahrheit kommt. … man sagt ›Gott‹, und jedermanns Belieben macht sich daran. Ich bin des Wortes schon lange satt, und es kommt mir doch immer wieder auf die Lippen.« 15
    Am 31. Juli 1937 spricht er von »satanischer Orthodoxie, die sich einige zurechtmachen«, einer satanischen Rechtgläubigkeit, die »zum Fehlfühlen und Fehlempfinden hässlich beflissen zu Tage tritt«. Um Barlach wird es immer einsamer, immer abwehrender. Er fühlt sich am Rande seiner Kräfte. Er wehrt den Besuchswunsch von Wolf-Dieter Zimmermann ab und bemerkt mit bitteren Worten: »Sie hätten ›mein jetziges Schaffen‹ gern persönlich kennengelernt? Es ist dafür gesorgt, dass da nichts kennenzulernen ist, und wird weiter gesorgt werden.« 16 Zimmermann war zudem Dietrich Bonhoeffers erster Assistent gewesen und erzählte mir von ihm »aus erster Hand«. Wenn Zimmermanns bei uns waren, öffnete sich für uns eine andere Welt. Sie brachten uns mit, wonach wir richtig lechzten: einen schönen Druck von Emil Nolde, Klee oder Marc Chagall. Seit nunmehr 36 Jahren begleitet mich in meinem Arbeitszimmer jener mich stets aufsNeue beruhigende Druck von Marc Chagalls Gemälde »Die roten Dächer«. Nichts daran ist seither verblasst!
    Das System sperrte sich ab und uns Bürger ein. Meine Familie bekam seit unserem Umzug nach Wittenberg

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