Klemperer, Viktor
kleinen Park das kleine Schloss des Tabakkollegiums, 1 eigentlich zwei aneindergebaute Giebelhäuserchen, vorn vor der Berührungslinie ein Rundturm. Das eigentlich Stattliche an der Anlage nur die Hallenartigen selbständigen Bauten für das Gefolge etc. an den Längsseiten des Schlosshofes. Als * E. im nahen Niederlehme wohnte, in den neunziger Jahren, war Königswusterhausen DIE STADT für sie. Unser Bock stand am Strassenrand seitlich des Schlosses; hier war ein Schuhladen und E. entdeckte im Schaufenster passende Leinenschuhe, die sie sich gleich kaufte. Ich muss noch nachholen, dass wir kurz vor dieser Rast auf noch eine riesige Senderanlage gestossen waren, dicht bei einem Truppenflugplatz. Auch begegneten wir fahrenden Flugabwehrgeschützen, die wie übergrosse Brigantengewehre auf alten italienischen Bildern aussehen: lange schmale Rohre, an der Mündung zu Trichtern verbreitert. Alles um Wusterhausen herum machte einen militärischen Eindruck, Fliegerei und Radio gewaltig im Kriegsdienst. Dann ging es ans möglichst rasche Fahren, ich suchte gleichmässig auf 60, 70 km. zu bleiben. Immerfort gerade schöne glatte fast leere Strassen durch Wald. War die Strasse ganz umschlossen so wirkte das beinahe gefährlich einschläfernd, kam freier Blick über Wiesen oder Schonungen, so wurde ich munterer. Ich fragte mich einigemale, wo jener eigentliche Spreewald liege, den man auf Booten durchfährt, und den wir Pfingsten 190? mit * * * Sterns zusammen 2 durchfahren haben. Wir kreuzten drei, vier Kanäle, wir sahen Niederungen, aber wir rollten immer auf ausgezeichneter und ziemlich breiter Fahrbahn. Das Centrum Burg berührten wir nicht. Erst in Lübben gegen 6 Uhr Halt. Benzin und Wasser für den Bock, Traubensaft, Selter, Käsebrod für uns auf einer Hotelterrasse. Um ½ 7 weiter um noch möglichst viel Strecke vor der Dunkelheit zu schaffen. Ich sah jetzt kaum etwas anderes als das Strassenband, aber wieder war das Fahren an sich ein Genuss, natürlich auch schon eine Anstrengung. Durch Kottbus und Spremberg, dann wurden die Lampen notwendig. Nun die Romantik und Strapaze der Curven- und Waldfahrt bei Scheinwerfern. In Königsbrück und danach immerfort die Schwierigkeit der entgegenkommenden Lampen und des ständigen Abblendenmüssens. Natürlich musste ich mit der Geschwindigkeit heruntergehen, aber ich kam gut und sicher vorwärts. (Gefährlich ist nur immer die Sekunde nach dem Passieren eines starklampigen Wagens) – unmöglich im nächsten Augenblick zu erkennen, ob man einen Fussgänger oder Radler zur Rechten vor sich hat. Der Bock kreischte von Zeit zu Zeit gellend und unergründlich, sonst lief er gut. Nach zehn in Dresden, gerade in der Pragerstr. schrie der Bock wieder f[u]rchtbar; sie soll von jetzt an übrigens Dorfstr.[] heissen, denn das ist sie im Vergleich mit den Linden und dem Kurfürstendamm. Um ½ 11 zuhause; * Frau Lehmann hatte die Tage über hier geschlafen und Haus und Kater gut versorgt.
Im Ganzen also eine völlig gelungene und höchst inhaltreiche Reise, landschaftlich, fahrtechnisch, verwandschaftlich, politisch gleichermaßen interessant. Haupteindruck bleibt: Berlin und der handschriftliche * Thomas Mann.
Sonntag, 23. Mai.
Bis morgen Ferienwoche; dann wieder an das Opus.
Ich habe seit Freitag Tagebuch getippt, für den Bock gesorgt – * Wolf war hier, ich brachte ihm den Reifen nach Freital, wir holten beide den geflickten wieder ab, es wurden überallSchmierversuche angestellt, um dem Kreischen auf die Spur zu kommen – ich las vor, ich bemühte mich, wieder in den Alltag hineinzukommen.
Heute lese ich über Tag viel vor, damit wir endlich den endlosen (aber ausgezeichneten[)] * Arundel-Roman beenden, und am Nachmittag wollen wir ein bisschen fahren, um festzustellen, ob das Kreischen nun verschwunden ist.
In unserm Garten grösste Blütenpracht. Rhododendren, Azaleen, Tulpen, Iris, Kornblumen, erste Rosen, Grasnelken, die Kräuter des Steingartens, blassblaue Saponaria insbesondere, ein Schneeball, ein Rotdorn, Hahnenfuss in Massen, Rot[,] Gelb, Blau, Weiss, Durcheinander der Papageientulpen, ungemeinste Buntheit. Woran es aber immer wieder hapert, das ist die Fertigcementierung der Terrasse über der Garage. Nachdem wir zu Beginn des Winters Frostschaden hatten, sind wir (d.h. * Lange, * Eva und ich) nun sehr ängstlich, und da immer wieder Gewitterregen droht, wird die Arbeit immer wieder aufgeschoben.
Für die Sprache des dritten Reichs muss ich auch darauf
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