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Koenigsmoerder

Koenigsmoerder

Titel: Koenigsmoerder Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karen Miller
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    vor sie ein wenig Milch und einen Klecks Honig hineingab. »Es ist wahr, dass ich ebenso wenig die Erbin bin wie Matthias, aber ich habe trotzdem ein Paar gute Augen im Kopf und mache mir den einen oder anderen Gedanken«, erwiderte sie, während sie in ihrem Tee rührte. »Ich konnte erkennen, woher der Wind wehte.«
    »Warum hast du mich dann nicht aufgehalten, wenn Matthias Recht hat und es so schrecklich war, was ich getan habe?«
    »Habe ich gesagt, dass er Recht hatte?«, fragte Veira und tauschte einen Blick mit ihm, während er ihr einen Teller mit Mandelkeksen reichte. »Habe ich gesagt, dass es schrecklich war? Ich erinnere mich nicht daran, das gesagt zu haben. Wir wissen noch immer nicht, wo dies enden wird.«
    »Wir haben aber eine ziemlich gute Vorstellung davon«, meinte Matt finster und lehnte sich gegen die Sitzbank.
    Statt einer Antwort tunkte Veira einen Keks in ihren milchigen Tee und verzehrte ihn schmatzend und mit sichtlichem Genuss. »Trink aus, Kind«, sagte sie sanft.
    »Und dann wirst du eine Sehung machen, und wir werden feststellen, was wir sehen können.«
    Sie spürte, dass sie ganz klein wurde vor Angst. Sie hatte nicht das geringste Verlangen nach ihrem Tee. »Hellsehen? Für Asher? Veira, das kann ich nicht.
    Nicht heute Nacht. Ich bin so müde. Vielleicht morgen...«
    »Doch, heute Nacht«, sagte die alte Frau mit zusammengezogenen Brauen. »Vor Sonnenaufgang. Ich habe es versucht, aber irgendwie kann ich ihn nicht finden.
    Matthias sagt, dass du nie scheiterst, ganz gleich, wie groß die Entfernung ist.«
    Sie funkelte den hilfreichen Matt wütend an. Er zuckte mit kühlem Blick die Achseln und nahm einen Schluck von seinem Becher. Neben ihr war ein freier Stuhl; er hätte sich setzen können, wenn er gewollt hätte...
    Ein Schmerz, schnell und scharf. Eine solche Kluft zwischen ihnen, größer als je zuvor. Konnten sie sie überwinden? Neue Brücken bauen? Oder war ihre Freundschaft tot und begraben, so wie Asher vielleicht bald tot und begraben sein würde?
    Natürlich wollte sie sehen, wo Asher war. Wie es ihm ging. Sie wünschte sich verzweifelt, es zu erfahren...
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    Sie hatte eine entsetzliche Angst vor dem, was sie vielleicht entdecken würde.
    »Du musst es tun, Kind«, sagte Veira unbarmherzig. »Wissen ist Macht.«
    »Also gut«, entgegnete sie widerstrebend und versuchte nicht einmal, freundlich zu sein. »Wenn du darauf bestehst.«
    Sie beendeten ihre Mahlzeit, und Veira holte ihre Sehschale heraus und bereitete das Wasser vor, die Tanalblätter, Blutkraut, Myrtes Tränen und Mondfäule. Als alles bereit war, sah Dathne sie und Matt an und sagte, immer noch gereizt: »Ich verspreche nichts. Es könnte gut sein, dass ich ihn nicht finde.«
    »Ich bitte dich nur darum, es zu versuchen, Kind«, erwiderte Veira. »Das ist alles, worum ich jemals bitten werde. Dass du dein Bestes tust.«
    Also versuchte sie es. Ein Teil von ihr war voller Angst, ein anderer Teil voller Hoffnung. Tief in der Dunkelheit, in die sie Tanalblätter hatten versinken lassen, rührte sie in ihrer Sehschale die drei wirkkräftigen Drogen ins Wasser und öffnete ihr Herz. Sandte ihren fragenden Geist aus.
    Asher. Asher. Asher.
    Nur Augenblicke später fand sie ihn. Er hockte in sich zusammengekauert da und hatte Schmerzen. Eingepfercht wie ein Tier und geschunden von eben den Menschen, die zu retten er geboren worden war. Weinend berichtete sie Veira und Matt, was sie in der Schale sah, und hörte sie aufkeuchen. »Wir müssen ihm helfen«, flüsterte sie, während ihr die Tränen übers Gesicht rannen. »Wir müssen ihn retten. Können wir ihn retten? Ist noch Zeit dazu?«
    »Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann«, sagte Veira, während sie die Arme um Dathnes Schultern legte. »Noch nicht. Aber eines verspreche ich dir, Kind. Wir werden es versuchen.«
    »Wir müssen ihn retten. Können wir ihn retten? Ist noch Zeit dazu?«
    Aufgewühlt von Dathnes verzweifelten Fragen, stand Veira vor dem Morgengrauen auf und ging auf Zehenspitzen in ihre kleine Küche, um sich eine Tasse Tee zu machen. Wie eigenartig, wie ein
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    Dieb durch das Haus zu schleichen, in dem sie siebenundzwanzig Jahre lang abgeschieden gelebt hatte. Aber sie wusste bereits, dass Matthias einen leichten Schlaf hatte; die vielen Jahre, in denen er mit Pferden und ihren launenhaften Krankheiten gelebt hatte, hatten seine Sinne geschärft. Über Dathne konnte sie diesbezüglich noch nichts sagen, aber die Chancen

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