Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Koenigsmoerder

Koenigsmoerder

Titel: Koenigsmoerder Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karen Miller
Vom Netzwerk:
waren groß, dass das Kind genauso hellhörig war. Und da sie im Augenblick dringend Stille brauchte und ein wenig Zeit für sich allein mit ihren trostlosen Gedanken, war es am besten, wenn sie sich mäuschenstill verhielt.
    Sie entzündete eine einzige Kerze, dann machte sie Feuer in ihrem Herd, um Wasser aufzusetzen. Draußen vor dem Fenster lagen ihr Garten, der Wald und die Berge noch immer im Dunkeln. Barls Mauer war ein Wispern von Gold, verloren zwischen den Sternen. Manchmal war es leicht zu vergessen, dass die Mauer dort war. Oder dass sie, Veira, ihretwegen hier war, gefesselt an eine versprengte Gruppe von nicht mehr ganz fremden Menschen, deren Leben sie mit einem einzigen gedankenlosen Fehler beenden konnte. Menschen, die sie kannten, ohne einander zu kennen, und die sich freiwillig in Gefahr begaben, um einer uralten Prophezeiung willen und um eines Lebens willen, das Jahrhunderte vor ihrer Geburt ein Ende gefunden hatte. Ihr Mut rührte sie zu Tränen, wenn sie es zuließ.
    Die Wacht über den Zirkel war ihr drei Monate vor ihrem sechsunddreißigsten Geburtstag zugefallen. Mit zwanzig hatte sie einen liebenswerten Jungen geheiratet, an dessen Gesicht sie sich nicht mehr erinnerte, mit dreiundzwanzig war sie eine kinderlose Witwe geworden, und sie hatte nicht den Mut gehabt, sich noch einmal auf eine Werbung oder eine Ehe einzulassen. Zumindest hatte sie für lange Zeit geglaubt, ihr Kummer sei die Ursache für ihre Zurückhaltung.
    Aber nachdem ihre Großtante Tilda gestorben war und ihr eine geheimnisvolle Schatulle und ein Vermächtnis hinterlassen hatte, das sie noch immer mit einigem Grund verfluchte, fragte sie sich, ob nicht die Prophezeiung ihre Wege bestimmt hatte. Ob sie ihr Leben und Schicksal nicht beeinflusst hatte, lange bevor sie sie brauchte. Um sie auf den Tag vorzubereiten, da sie sie brauchte.
    317
    Auf diesen Tag, an dem finstere Entscheidungen getroffen werden mussten, damit nicht eine noch finsterere Zukunft Wirklichkeit wurde.
    Der Kessel holte tief Atem und begann zu pfeifen. Sie riss ihn vom Herd und machte sich ihren Becher Tee. Während sie ihn zwischen den Fingern hielt und für einen Moment das Zwicken des Alters verspürte, ließ sie sich auf einen Stuhl am Tisch sinken, stützte die Ellbogen auf und grübelte über Dinge nach, die ihr das Herz brachen.
    Nachdem sie Matthias und Dathne nur wenige Stunden zuvor zu Bett geschickt hatte, hatte sie nach einem anderen Mitglied des Zirkels ausgegriffen, Gilda Hartshorn, um sich die Wahrheit von Dathnes Sehung bestätigen zu lassen.
    Gilda, eine Schneiderin aus Dorana, nähte häufig für Angestellte des Palastes und der städtischen Wache. Sie besaß ein großes Talent, andere Menschen zu Klatsch und Vertraulichkeiten zu verleiten.
    Es ist wahr, es ist wahr, alles wahr, hatte Gilda ihr geantwortet. Asher soll am Barlstag um Mitternacht sterben. Eine Proklamation des neuen Königs, Conroyd Jarralt.
    Getrieben von einem unergründlichen Instinkt und in dem Wissen, dass sie zu seiner Rettung alle Hilfe brauchen würden, die sie finden konnten, hatte sie Gilda die Wahrheit über Asher gesagt. Zuerst erschrocken, dann tränenreich hatte Gilda erwidert: Aber er wird Tag und Nacht bewacht, und ganz gleich, wie spät es ist, er ist ständig von einer Menschenmenge umgeben! Veira, Veira, was sollen wir tun?
    Gilda wusste nicht mehr über Dathne und Matt, als diese über sie wussten, und es war noch immer das Beste, wenn das auch so blieb. Also hatte sie die Ängste der Schneiderin mit einer Gelassenheit beruhigt, die zu drei Teilen eine Lüge gewesen war, dann war sie ins Bett gegangen, um zu schlafen. Sie war jetzt dreiundsechzig Jahre alt und alles andere als rüstig. Und nach der Ausfahrt, um Dathne abzuholen, taten ihr die Knochen weh.
    Doch der Schlaf war nicht gekommen. Sie hatte Dathne erklärt, dass sie den Schimmer einer Idee habe, wie sie ihren Unschuldigen Magier retten konnten, und so war es tatsächlich. Aber diese Idee
    318
    war grauenvoll. Unbarmherzig. Sie nahm keine Rücksicht auf gebrochene Herzen, vergeudetes Leben, eine zerstörte Zukunft. Zweifellos kam die Idee von der Prophezeiung selbst, was ihre Kälte erklärte. Die Prophezeiung erklärte vielleicht auch das Zusammentreffen von Zufällen: Dass von all den Menschen, die der Schlüssel zu Ashers Freiheit sein konnten, es gerade ihr eigen Fleisch und Blut traf. Den Sohn ihrer Schwester. Einen Jungen, der inzwischen zum Mann geworden war und den sie gegen ihren

Weitere Kostenlose Bücher