Leichenblässe
taxierte mit ihren Blicken die Gesichter um uns herum und erforschte die Umgebung nach
potenziellen Bedrohungen. Außerdem fiel mir auf, dass sie beim Gehen ihre rechte Hand dicht an ihrer Waffe hielt, die unter
dem Sakko versteckt war. Irgendwie fiel es mir schwer, das alles ernst zu nehmen.
Dann erinnerte ich mich daran, was an meine Windschutzscheibe geklemmt worden war.
Eine ältere Frau zwinkerte uns lächelnd zu, als sie aus dem Fahrstuhl trat, und ich konnte mir denken, was ihr durch den Kopf
ging.
Noch so ein junges Paar, das nach einem Tag in
der Stadt auf dem Weg ins Bett ist.
Das hatte so wenig mit der Realität zu tun, dass es beinahe komisch war.
Jacobsen und ich standen Seite an Seite im Fahrstuhl. Wir waren allein, und die Spannung zwischen uns schien mit jeder Etage
zu wachsen. Einmal stießen wir leicht mit den Schultern aneinander, wobei die Stoffe leise knisterten. Sie neigte sich zurück,
gerade weit genug, um der Berührung zu entgehen. Als sich die Tür öffnete, trat sie zuerst hinaus. Sie hatte die Hand unter
das Sakko geschoben und auf die Waffe gelegt, als sie nachschaute, ob der Gang leer war. Mein Zimmer lag am anderen Ende.
Ich zog die Schlüsselkarte durch den Schlitz und machte die Tür auf.
|296| «Danke für den Geleitschutz.»
Ich hatte es mit einem Lächeln gesagt, aber sie war jetzt durch und durch rational. Die Barrieren, die im Wagen kurz unten
gewesen waren, waren wieder hochgegangen.
«Darf ich einen Blick in Ihr Zimmer werfen?»
Ich wollte ihr sagen, dass dafür keine Notwendigkeit bestand, doch ich konnte ihr ansehen, dass es umsonst gewesen wäre. Ich
trat zur Seite, um sie hereinzulassen.
«Bitte schön.»
Ich stand neben dem Bett, während sie das Zimmer durchsuchte. Es war nicht groß, deshalb dauerte es nicht lange, bis sie sich
vergewissert hatte, dass sich York nicht darin versteckte. Sie hatte noch immer den Umschlag von Gardner in der Hand, und
als sie fertig war, kam sie damit zu mir. Sie blieb in einigem Abstand stehen und sah mich mit unergründlicher Miene an.
«Noch eine Sache. Dan wollte, dass ich Ihnen das hier zeige.» Sie öffnete den Umschlag. «Auf der Straße gegenüber vom Krankenhaus
ist eine Überwachungskamera. Wir haben uns das Filmmaterial von der Zeit besorgt, als Dr. Lieberman angerufen wurde.»
Sie reichte mir einen schmalen Stapel Fotos. Es handelte sich um grobkörnige, unscharfe Standfotos einer städtischen Überwachungskamera,
auf denen unten das Datum und die Zeit aufgedruckt waren. Ich erkannte den Straßenabschnitt, an dem das Münztelefon stand.
Im Vordergrund waren verschwommen ein paar Autos und der klobige weiße Umriss eines Krankenwagens zu sehen.
Interessanter war allerdings die dunkle Gestalt, die sich gerade von dem Münztelefon abwandte. Die Bildqualität war so schlecht,
dass man unmöglich Einzelheiten erkennen konnte. Der Kopf war nach vorn geneigt, und das Gesicht sah |297| aus wie ein weißer Halbmond, der fast vollständig von einer dunklen Schirmmütze verdeckt war.
Die anderen Fotos waren ähnlich. Die Gestalt lief mit hochgezogenen Schultern und gesenktem Kopf über die Straße. Man konnte
fast noch weniger erkennen als auf dem ersten.
«Im Labor wird versucht, die Bilder zu bearbeiten», sagte Jacobsen. «Wir können nicht mit Sicherheit sagen, dass es York ist,
aber Größe und Statur scheinen zu stimmen.»
«Sie zeigen mir die Fotos doch nicht nur aus Höflichkeit, oder?»
«Nein.» Sie sah mich ungerührt an. «Wenn Sie tatsächlich Yorks nächstes Ziel sind, dann sollten Sie wissen, zu welchen Tricks
er greifen könnte, um in Ihre Nähe zu kommen, meint Dan. Die dunkle Kleidung und die Schirmmütze könnten eine Art Uniform
sein. Und wenn Sie sich seine Hüfte anschauen, können Sie etwas erkennen, das wie eine Taschenlampe aussieht. Es ist möglich,
dass er sich als Polizeibeamter oder irgendein anderer Behördenvertreter ausgibt, der … Dr. Hunter? Was ist?»
Ich starrte auf das Foto, als mich die Erinnerung überfiel.
Taschenlampe …
«Ein Wachmann», sagte ich.
«Entschuldigen Sie?»
Ich erzählte ihr, wie ich vor ein paar Nächten auf dem Parkplatz angehalten worden war. «Wahrscheinlich hat es nichts damit
zu tun. Er wollte nur wissen, was ich dort tat.»
Jacobsen runzelte die Stirn. «Wann war das genau?»
Ich musste überlegen. «In der Nacht, bevor Irving verschwand.»
«Konnten Sie ihn erkennen?»
«Er hat mir die ganze Zeit
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