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Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Titel: Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Zeruya Shalev
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Bäume, die immer heller werden, und die Vögel in den Zweigen, und ich schaue in den Osten und warte gespannt, da erscheinen einige Strahlenbündel auf den glänzenden Blättern der Pappel, aber die Sonne fehlt immer noch, sie versteckt sich hinter dem Laub wie ein großes Auge, das von einem wirren Haarbüschel verborgen wird. Ich warte vergeblich auf sie, was habe ich mir vorgestellt, daß ich mitten in der Stadt die Sonne aufgehen sehe, rund und rot, wie sie früher über den Bergkämmen aufging, die ich so liebte, in unserer leeren Moschawa, als noch nichts zwischen ihr und mir stand, nur das Streicheln der durchsichtigen Luft, und schon werde ich nervös, wozu bin ich so früh aufgestanden, von hier aus kann man den Sonnenaufgang nicht sehen, warum hat sie mir keine genaue Uhrzeit angegeben, da stehe ich allein auf dem Balkon und warte, warte auf die Sonne, warte auf die Heilerin, die an Krankheiten glaubt, und eigentlich hasse ich beide, von beiden bin ich abhängig, und dann sehe ich sie atemlos die Straße unter mir entlangrennen, ein dünnes Mädchen, ganz in Weiß gekleidet, ihre langen Haare sind offen und lassen ihr Gesicht weicher aussehen, in der Hand trägt sie den Korb, als laufe sie zum Markt, vermutlich gibt es keinen Vater, der das Neugeborene versorgen könnte, eine Welle von Mitleid schlägt über mir zusammen, schau nur, statt sich um ihre eigenen Probleme zu kümmern, will sie uns helfen, sie ist nicht wie du, du schaust die Mädchen im Heim mit schiefen Blicken an. Ich neige mich zur Seite, damit sie nicht merkt, daß ich sie beobachte, ihr Körper ist fest und aus einem Stück, nicht wie meiner, der aus verschiedenen Gliedmaßen besteht, von denen jedes einzelne ein Körper für sich zu sein scheint.
    Wir haben den Sonnenaufgang verpaßt, sage ich in einem beschuldigenden Ton, und sie lächelt gleichmütig, atmet noch immer schwer vom Laufen, mach dir keine Sorgen, es ist genau die richtige Stunde. Aber bis die Sonne hier über die Dächer kommt, ist sie längst aufgegangen, den Aufgang selbst kann man von hier aus nicht sehen, beschwere ich mich, und sie sagt, verlaß dich auf mich, Na’ama, sie stellt den Korb auf den Teppich und betrachtet mich traurig, als wäre ich die Kranke, sie erkundigt sich nicht einmal nach ihm, und auch ich beeile mich nicht, ihn zu erwähnen, ich setze mich ihr gegenüber und lasse zu, daß sie mich mit ihren langen, dunklen Fingern berührt, als suche sie einen Schatz unter meiner Haut, sie nimmt meine Handgelenke, jedes für sich, dann beide zusammen, sie kreuzt die Hände, wechselt zwischen links und rechts, und dann tastet sie hinter meinen Ohren, drückt fester und lockert den Druck wieder.
    Was machst du, frage ich, und sie erklärt mir willig, ich lausche auf deinen Puls, das Blut fließt durch die Adern und erzählt über den Puls alles, was im Körper passiert, und ich protestiere, aber ich bin gesund, ich bin in Ordnung, du bist doch gekommen, um ihn zu untersuchen, und sie sagt, der Puls der Frau deutet auch auf den Zustand des Mannes hin, die Tibeter glauben, daß man am Puls der Frau erkennen kann, ob ihr Mann leben oder sterben wird. Wirklich, ist die Abhängigkeit so stark, frage ich erstaunt, und sie lächelt geheimnisvoll, ja, und auch am Puls des Kindes kann man etwas vom Zustand der Eltern erkennen, und plötzlich wirft sie mir einen prüfenden Blick zu, untersucht rasch mein Gesicht, öffnet meine Augen weit und betrachtet sie, zieht mir die Zunge aus dem Mund, und die ganze Zeit liegt dieses geheimnisvolle Lächeln auf ihren schönen Lippen, jetzt, wo ich ihr so nahe bin, sehe ich, wie schön sie sind, so nah war er ihnen gestern auch, ihren Lippen und ihrem Geruch, ein seltsamer Geruch ist das, ein unangenehmer Geruch von Intimität, wie der Geruch ihres kleinen Mädchens. Was ist mit meinem Puls, was sagt er, frage ich gereizt, und sie ignoriert meine Frage, drückt meine Finger und lauscht, und plötzlich fragt sie, hast du heute nacht gut geschlafen? Ich bin überrascht, schon lange hat mir keiner mehr eine so freundschaftliche Frage gestellt, ich habe ganz gut geschlafen, sage ich, ich hatte nur die ganze Zeit Angst, ich würde den Sonnenaufgang verpassen. Sie fragt und fragt, und die ganze Zeit bewegen sich ihre Hände über meine Finger, es sind einfache Fragen, so einfach, daß ich die Antworten vergessen habe, so wie man Freunde aus der Kinderzeit vergißt, wenn sie im Lauf der Zeit verschwinden. Diese Fragen erinnern mich an ein

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