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Malevil

Malevil

Titel: Malevil Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: R Merle
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angenommen hat, ohne sich mit seinen Pfarrkindern zu beraten. »Mit seinen Mitbürgern« wage ich nicht zu
     sagen, denn er hat von der Pfarre, nicht von der Gemeinde geredet. Eines ist sicher: In La Roque entscheidet er allein über
     alles, und er schreibt mir hier die gleiche Macht zu.
    Fulbert hält uns dann eine kleine Ansprache über den Regen, der deutlich als ein Werk der Vorsehung erkennbar sei, denn er
     habe uns das Heil gebracht, als wir alle unsere Verurteilung erwarteten. Während er redet, führt er mit den Armen, die er
     ausgestreckt |280| mehrmals von unten nach oben bewegt, eine Gebärde aus, die ich schon an Paul VI. nicht sehr gemocht hatte, die mir bei Fulbert
     aber völlig als Karikatur erscheint. Zugleich beobachtet er uns, einen nach dem andern, mit seinen schönen Schielaugen. Nichts
     von unserem unterschiedlichen Verhalten ihm gegenüber ist ihm entgangen, und nichts davon wird er vergessen.
    Nachdem er seine Ansprache beendet und uns aufgefordert hat zu beten, erinnert er uns daran, daß er uns einen Vikar zu schicken
     gedenke, segnet uns und bricht auf. Colin schließt sofort das schwere, eisenbeschlagene Tor und läßt es mit unverschämtem
     Krach hinter ihm zufallen. Ich schnalze mit der Zunge, sage aber kein Wort. Übrigens habe ich keine Zeit, etwas zu sagen,
     denn die Menou stößt ein besorgtes Geheul aus.
    »Wo ist denn nur Momo?«
    »Na, verlorengegangen ist er schon nicht«, sagt Peyssou.
    »Noch vorhin«, sage ich, »habe ich ihn vor der Maternité mit Miette diskutieren sehen.«
    Die Menou ist schon in der Maternité und ruft: Momo, Momo! Doch die Maternité ist leer.
    »Ach, jetzt fällt’s mir wieder ein«, sagt Colin. »Dein Momo ist vorhin in Richtung Zugbrücke gerannt. Mit Miette. Sie hielten
     sich an der Hand. Zwei Gören, hätte man meinen können.«
    »Oh, mein Gott!« ruft die Menou. Auch sie beginnt nun zu rennen, und halb lachend, halb neugierig folgen wir ihr. Und weil
     wir trotz alledem den Momo gern haben, teilen wir uns, um die Burg zu durchsuchen, in Gruppen, die einen im Keller, die anderen
     im Holzlager, wieder andere im Erdgeschoß des Wohnbaus. Plötzlich fallen mir Miettes Pläne ein.
    »Komm, Menou«, rufe ich. »Ich will dir zeigen, wo dein Sohn ist!«
    Ich ziehe sie zum Bergfried. Alle andern schließen sich an. Im ersten Stockwerk gehe ich über den weiten Treppenflur und bleibe
     vor der Badezimmertür stehen; ich versuche sie zu öffnen, aber sie ist verriegelt. Ich trommle mit der Faust gegen die schwere
     Eichenholzfüllung.
    »Momo, bist du da?«
    »Lammido infrin vadammomal!« ruft die Stimme Momos.
    »Miette ist bei ihm«, sage ich. »Er wird so bald nicht herauskommen.«
    |281| »Aber was tut sie ihm denn? Was tut sie ihm denn?« ruft die Menou ängstlich.
    »Weh tut sie ihm jedenfalls nicht«, sagt Peyssou.
    Er fängt lauthals an zu lachen. Und alles stimmt mit ein. Erstaunlich. Auf Momo sind sie nicht eifersüchtig. Momo ist einer
     aus Malevil, das darf man nicht verwechseln. Er gehört dazu. Selbst wenn er ein wenig zurückgeblieben ist, ist er doch einer
     von uns. Das ist nicht zu vergleichen.
    »Sie wäscht ihn«, sage ich. »Sie hat mir gesagt, sie würde es tun.«
    »Du hättest mich warnen sollen«, sagt die Menou vorwurfsvoll. »Ich hätte besser auf ihn aufgepaßt.«
    Wir protestieren. Sie wird doch Miette nicht hindern wollen, ihn zu waschen! Wo Momo stinkt wie ein Bock! Wo es doch jedermann
     zugute kommen wird, wenn Miette ihn saubermacht! Nicht zu reden von der Krankheitsgefahr! Und von den Läusen!
    »Momo hat niemals Läuse gehabt«, erklärt die Menou tief gekränkt. Womit sie lügt, ohne jemanden zu überzeugen. Mager und blaß,
     trippelt sie wie eine Henne, die ihr Küken verloren hat, vor dieser Tür hin und her. Vor uns getraut sie sich nicht, Momo
     herauszurufen oder an die Tür zu klopfen. Im übrigen weiß sie nur zu gut, was er ihr antworten würde.
    »Diese Fremden!« fängt sie wütend wieder an. »Wo ich mir schon gleich am ersten Tag gedacht habe, daß nichts Gutes von denen
     zu erwarten ist. Wilde sind eben keine Leute, die man mit Christenmenschen unter ein Dach nehmen soll.«
    Resigniert krümmt Falvine schon den Rücken. Auf sie wird es zurückfallen. Sie weiß es gewiß. Jacquet ist ein Junge, zu ihm
     sagt die Menou nichts. Zu Miette nur mit großer Zurückhaltung. Aber die arme Falvine, die ist dran.
    »Fremde«, sage ich streng. »Wie kommst du darauf? Wo Falvine doch deine Kusine

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