Marco Polo der Besessene 2
andere das kleine Pferdchen von seiner Mutter wegrissen und hinüberschleiften zur Grabstätte. Die Stute fing an zu steigen und auszukeilen und zu wiehern und tat das noch heftiger, als die Männer, die das Fohlen festhielten, eine Streitaxt hoben und ihm den Schädel zerschmetterten. Die nach allen Seiten auskeilende und wütend sich wehrende Stute wurde fortgeführt, während Krieger Erde über das frisch erschlagene Fohlen häuften. Bayan sagte:
»Da seht Ihr selbst. Wenn wir wieder hierherkommen, und selbst wenn das erst in zwei oder drei oder fünf Jahren geschieht, brauchen wir nur dieselbe Stute freizulassen, und sie wird uns an diese Stelle führen.« Er hielt inne, biß die großen Zähne nachdenklich zusammen und sagte: »Tja, Polo, obwohl Euch viel Verdienst an diesem Sieg hier zusteht, habt Ihr diesen so gründlich errungen, daß keine Kriegsbeute da ist, von der Ihr Euren Teil erhalten müßtet, und das bedaure ich. Wenn Ihr jedoch weiter mit uns reitet, werden wir als nächstes die Stadt Yun-nan-fu angreifen, und ich verspreche, daß Ihr zu den hohen Offizieren gehören sollt, die sich als erstes etwas von der Beute aussuchen dürfen. Yun-nan-fu ist eine große Stadt und sehr reich, so hat man mir gesagt, und die Yi-Frauen sind keineswegs alle abstoßend. Was sagt Ihr?«
»Das ist ein großzügiges Anerbieten, Orlok, und eines, das einen schon in Versuchung bringen kann; daß Ihr so an mich denkt, ehrt mich. Gleichwohl meine ich, ich sollte der Versuchung widerstehen und zurückeilen zum Khakhan, um ihm die Nachrichten zu überbringen, die guten wie die schlechten, und ihm zu berichten, wie sich alles abgespielt hat. Wenn Ihr erlaubt, möchte ich gern morgen abreiten, wenn Ihr weiterzieht nach Süden.«
»Das hatte ich mir schon gedacht. Ich habe Euch für einen pflichtbewußten Mann gehalten. Deshalb habe ich auch schon einen Brief diktiert, den Ihr Kubilai überbringen sollt. Er ist versiegelt und ausschließlich für seine Augen bestimmt. Ich will aber auch kein Geheimnis daraus machen, daß Ihr in diesem Brief hoch gelobt werdet und mehr Lob verdient als nur meines. Ich will zwei Vorausreiter losschicken, die sofort losreiten werden und die Route für Euch vorbereiten. Und Ihr sollt wieder zwei Begleiter und die besten Pferde bekommen.«
Das war alles, was ich von Yun-nan zu sehen bekam, und dies war auch meine einzige Landkriegserfahrung; ich nahm keine Beute und fand keine Gelegenheit, mir eine Meinung über die Yi-Frauen zu bilden. Doch diejenigen, die meine kurze militärische Laufbahn miterlebt haben -diejenigen jedenfalls, die sie überlebten -, schienen sich darin einig zu sein, daß ich mich gut gehalten hatte. Außerdem war ich mit der Mongolischen Horde geritten, etwas, wovon ich meinen Enkeln erzählen konnte, falls ich jemals welche bekam. Ich kam mir ganz wie ein felderfahrener alter Krieger vor, als ich schließlich zurückritt nach Khanbalik.
XAN-DU
1
Und wieder war es ein langer Ritt, und wieder ritten meine Begleiter und ich, was die Pferde hergaben. Als wir jedoch einige zweihundert li südwestlich von Khanbalik anlangten, wurden wir dort an einer Straßenkreuzung von unseren Vorausreitern abgefangen. Sie waren bereits in der Hauptstadt gewesen, jedoch umgehend zurückgeritten, um uns zu informieren, daß Khan Kubilai im Augenblick nicht dort hofhalte. Er genieße die Jagdsaison -mit anderen Worten halte er sich in seinem Landpalast Xan-du auf, wohin die Reiter uns statt dessen jetzt führen würden. Gemeinsam mit den Vorausreitern wartete noch ein dritter Mann, der so reich auf arabische Weise gekleidet war, daß ich ihn zuerst für einen graubärtigen muslimischen Höfling hielt, den ich noch nicht kennengelernt hatte. Er wartete, bis die Reiter mir ihre Meldung erstattet hatten, dann begrüßte er mich überschwenglich:
»Ehemaliger Herr Marco! Ich bin's!«
»Nasenloch!« entfuhr es mir, überrascht, mich darüber zu freuen, ihn wiederzusehen. »Ich meine: Ali Babar. Wie schön, dich zu sehen! Was machst du denn hier draußen, fern vom Behagen der Städte?«
»Ich bin gekommen, Euch zu begrüßen, ehemaliger Herr. Als diese Männer die Nachricht von Eurer unmittelbar bevorstehenden Rückkunft brachten, habe ich mich ihnen angeschlossen. Ich habe Euch einen Brief zu übergeben, und das schien mir ein guter Vorwand, mich von Mühen und Arbeit freizumachen. Außerdem dachte ich, Ihr könntet vielleicht die Dienste Eures ehemaligen Sklaven gebrauchen.«
»Wie
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