Marco Polo der Besessene 2
dabei, ihn hinzurichten«, sagte Bayan. »Und zwar auf eine besonders scheußliche Art und Weise. Sobald das Grab fertig ausgehoben ist, wird er tot sein.«
Immer noch ein wenig verärgert, erkundigte ich mich: »Was ist so besonders Scheußliches daran, ihn zutode zu füttern?«
»Die shamans füttern ihn nicht richtig, Polo, sie füllen Quecksilber in ihn hinein.«
»Quecksilber?«
»Das tötet unter qualvollen, schmerzhaften Krämpfen, ist aber gleichzeitig ein wunderbares Einbalsamierungsmittel. Ist er erst einmal tot, wird er nicht vergehen, sondern die Farbe und Frische des Lebens behalten. Geht und seht Euch auch den Leichnam des Wang an, auch den haben die shamans mit Quecksilber gefüllt. Ukuruji sieht so gesund und rosig aus wie ein springlebendiges kleines Kind. Und das bleibt für alle Ewigkeit so.«
»Wenn Ihr es sagt, Orlok? Aber wozu dem verräterischen Pao dieselben Ehren angedeihen lassen?«
»Ein Wang muß mit einer zahlreichen Dienerschaft in sein Grab gelegt werden. Wir werden sämtliche Yi töten und mit ihm bestatten, die der Katastrophe gestern entkommen sind -und noch ein paar Bho-Frauen, die gleichfalls überlebt haben, damit er in seinem Leben im Jenseits nicht der Lust zu entbehren braucht. Pao jedoch lassen wir eine besondere Aufmerksamkeit angedeihen. Welch besseren Diener könnte Ukuruji mit in den Tod nehmen, als einen früheren Minister des Khanats?«
Zu der von den shamans als glückverheißende Stunde bezeichneten Zeit marschierten die Truppen tüchtig um den Katafalk herum, auf dem Ukuruji lag, die einen zu Fuß, die anderen hoch zu Roß und alle mit lobenswerter Verwegenheit und Präzision und unter viel martialischer Musik und kummervollen Gesängen. Die shamans entzündeten viele Feuer, die farbigen Rauch erzeugten, und ließen ihre Klagegesänge ertönen. All diese Darbietungen waren als zur Bestattung gehörig zu erkennen, doch andere Einzelheiten der Zeremonie mußte man mir erst erklären. Unmittelbar am Rande des Lawinengerölls hatten die Truppen eine Höhle für Ukuruji gegraben. Bayan sagte mir, die Stelle sei unter dem Gesichtspunkt ausgewählt worden, daß sie möglichen Grabräubern nicht auffiele.
»Später werden wir ein entsprechend grandioses Denkmal darüber errichten. Doch solange wir noch mit dem Krieg beschäftigt sind, könnten Yi versuchen, sich in das Tal zurückzuschleichen. Sie können die letzte Ruhestätte des Wang nicht finden, können also auch seine Habe nicht plündern oder den Leichnam schänden oder die Grabstätte dadurch entehren, daß sie ihr Wasser hier abschlagen oder ihre Notdurft darin verrichten.«
Schließlich wurde Ukurujis Leichnam ehrfurchtsvoll ins Grab gebettet; die Leichen der frisch erschlagenen Yi-Gefangenen sowie der unglücklichen beiden Bho-Frauen wurden drum herum gelegt, und ganz in Ukurujis Nähe kam die Leiche des Ministers der Kleineren Volksgruppen. Pao hatte sich in seinem schmerzlichen Todeskampf dermaßen verkrümmt, daß die Arbeiten kurz unterbrochen wurden, damit die shamans ihm die verschiedenen Knochen dergestalt brechen konnten, daß sie sich anständig geradebiegen ließen. Dann errichtete eine Gruppe von Kriegern zwischen den Leichen und dem Höhleneingang ein Holzgerüst und brachte daran eine Reihe Pfeile und Bogen an. Bayan erklärte mir, worum es dabei ging.
»Es handelt sich um eine Erfindung von Kubilais Hofgoldschmied Boucher. Wir Militärs haben nicht in jedem Falle Verachtung für Erfinder übrig. Schaut -die Bogen sind sämtlich stark gespannt und zielen geradenwegs auf den Eingang, und das Gerüst hält sie dergestalt, daß sie durch ein empfindliches System von Hebeln abgeschossen werden können. Sollten Grabräuber die Stelle doch finden und anfangenzu graben, würden beim Öffnen des Eingangs diese Hebel in Tätigkeit gesetzt, und ein Pfeilhagel empfinge sie.«
Die Grabgräber verschlossen den Eingang mit Erde und Felsen bewußt auf so unordentliche Weise, daß das Ganze von dem umliegenden Geröll nicht zu unterscheiden war. Daraufhin fragte ich: »Wenn ihr euc h so große Mühe macht, daß das Grab nicht entdeckt werden kann, wie findet ihres wieder, wenn es gilt, das große Denkmal darauf zu errichten?«
Bayan warf nur einen Blick auf die Seite, woraufhin ich seinem Blick folgte. Ein paar Pferdeburschen hatten an einem Halfter eine ihrer Stuten herbeigebracht, der das noch nicht entwöhnte Fohlen in wenigen Schritten Abstand folgte. Ein paar Männer hielten die Stute fest, während
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