Mecklenburg-Vorpommern. Anleitung für Ausspanner
nahezu nicht existent. Ernstzunehmende Galerien kann man an einer Hand abzählen. Und trotzdem lieben die
Künstler dieses Mecklenburg-Vorpommern, lassen sich in einem der vielen Dörfer nieder, erstehen baufällige Bauernkaten, die sie dann ihr ganzes Leben lang
renovieren. Irgendetwas muss dran sein an dieser Region. Dieser Himmel, die Weite, dieses ganz besondere Licht.
Als der Künstler Günther Uecker, seit den 60er-Jahren berühmt für seine Nagel-Skulpturen, im Jahr 1988mehrere hundert seiner Werke in
Moskau ausstellte, kam er auch mit hohen Militärs ins Gespräch. Thema war dabei allerdings nicht die zeitgenössische Kunst. Sondern Mecklenburg. Uecker
wollte zurück nach Hause: auf die Halbinsel Wustrow westlich von Rerik, wo er aufgewachsen war. In den 50er-Jahren hatte er die DDR verlassen, Kunst
studiert, später Picasso in Frankreich kennengelernt, seine Schwester hatte den berühmten Blau-Künstler Yves Klein geheiratet. Jetzt wollte er seine alte
Heimat wieder besuchen. Wustrow – eine verbotene Halbinsel westlich von Rostock. Erst von den Nazis, dann von den Russen militärisch genutzt. Schon 1989,
noch vor dem Fall der Berliner Mauer, durfte Uecker die Insel wieder betreten.
Tatsächlich sind unter den Künstlern im Land viele Rückkehrer. Sie studierten in Berlin, Halle, Dresden oder Leipzig, um dann wieder in die heimischen
Gefilde zurückzukehren – in besagte wunderbare Landschaften, auf große Grundstücke und oft in finanzielle Engpässe. Denn mit offenen Armen werden sie
nicht empfangen.
Neulich traf ich in einer Galerie eine Frau mittleren Alters, die sich interessiert umblickte. Schließlich griff sie die Preisliste – und legte die
Stirn in Falten. Weil die Listen knapp waren, sah ich ihr über die Schulter. »Muss ich so was haben?«, fragte sie plötzlich. »Ich kann jeden Tag aus dem
Fenster schauen, dann sehe ich auch etwas Schönes.«
Wer in Mecklenburg-Vorpommern eine Ausstellung eröffnet, der muss damit rechnen, dass Leute kommen, die den kostenlosen Wein austrinken und sich dann
über die Kunst lustig machen. Man kann auch Kunst-Auktionen erleben, auf denen 80 Prozent der Anwesenden nicht im Traum daran denken, mitzubieten. Bei der
jährlichenKunstversteigerung in Ahrenshoop passiert das natürlich nicht, aber zu dieser Veranstaltung kommen die Sammler auch von weit
angereist, denn zu kaufen gibt es Raritäten von Künstlern mit großen Namen. An Einheimischen findet man auf derartigen Veranstaltungen höchstens mal ein
Arzt-Ehepaar, das mit Schweißperlen auf der Stirn einen Ölschinken von einem historischen Lokalmatador ersteigert. Ohne Urlauber geht in Sachen Kunst in
Mecklenburg-Vorpommern gar nichts.
Ahrenshoop ist dafür ein gutes Beispiel. Auf der Landkarte der Kunst tauchte das Dorf erstmals im Jahr 1889 auf. Damals streifte der Freiluftmaler Paul
Müller-Kaempff auf der Suche nach einem unverbrauchten Fleckchen Erde durch die Lande. Unter freiem Himmel den Pinsel zu schwingen, stellte seinerzeit so
eine Art Mode dar, die von Frankreich nach Deutschland geschwappt war. Allerdings mussten die enthusiasmierten Maler in der Regel ein ganzes Stück reisen,
um Gegenden aufzuspüren, die nicht schon vom Zahn der Industrialisierung angenagt waren. So verschlug es den gebürtigen Niedersachsen Müller-Kaempff
sozusagen als Kunst-Reisenden auf die Halbinsel Fischland, Darß und Zingst.
Eines Tages wanderte er vom Ort Wustrow aus in Richtung Nordosten, als unvermittelt ein verschlafenes Dorf vor ihm auftauchte:
Ahrenshoop. Müller-Kaempff jubelte. Solch ein Nest hatte er sich für seine künstlerische Arbeit schon immer gewünscht: Graue Reetdächer, graue Weiden,
graue Dünen, schwärmte er später in seinen Memoiren. Weit und breit kein Mensch, keine Fabrik, nicht mal eine Reklametafel störte das heile
Weltbild. Manchmal ist der raue Charme eines strukturschwachen Flächenlandes eben doch ein Vorteil. Müller-Kaempff beschloss zu bleiben.
Das war durchaus folgenreich. Für den Ort bedeutete es das Ende der Idylle und die Geburt des kommerziellen Kulturtourismus. Denn
Müller-Kaempff brachte seine Freunde mit, die sich bei den Einheimischen einmieteten. Die Ureinwohner mochten nach gut norddeutscher Art die Fremden
beargwöhnt haben. Offensichtlich überlagerte aber die Freude am Nebenerwerb die Skepsis. In den Fischerkaten wurden Betten für die Besucher freigeräumt
und für die hungrigen Künstler Mittagstische
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