Menschen und Maechte
Washington die US Marine Band.
Als Helmut Schmidt Mitte Juli 1977 Carter in Washington besuchte, lagen – ein halbes Jahr nach dessen Amtsantritt – die ersten Differenzen über die amerikanische Politik gegenüber der Sowjetunion bereits offen zutage.
Meine andere, zunächst diplomatisch-vorsichtig vorgebrachte Anregung, die eurostrategischen Mittelstreckenwaffen in die SALT-Verhandlungen einzubeziehen, war mir im Grunde weit wichtiger als die persönliche Beziehung zwischen Carter und Breschnew; aber damit stieß ich bei Carter und seinen Beratern auf taube Ohren. Die damals rund sechstausend nuklearen Sprengköpfe, montiert auf Waffen der verschiedensten Art, über welche die USA allein auf westdeutschem Boden verfügten, wurden in Washington höchst harmlos als Theater Nuclear Weapons deklariert; genauso sah man die sowjetischen Nuklearwaffen, die für den Gebrauch auf europäischem Boden bestimmt waren. Beide Seiten konnten mit diesen Waffen das Gebiet oder gar die Hauptstadt der jeweils anderen Weltmacht nicht erreichen (mit einigen geringfügigen Ausnahmen am südwestlichen Rand der Sowjetunion, der vom östlichen Mittelmeer aus erreichbar ist). Im wesentlichen waren lediglich Menschen in den jeweils verbündeten Staaten bedroht; so nahm man dieses Problem nicht sehr wichtig.
Schon der Sprachgebrauch, der sich eingebürgert hatte, war absurd: Die Möglichkeit, selbst nuklear vernichtet zu werden, wurde als »strategische« Qualität betrachtet; der Möglichkeit der Vernichtung von Menschen in den Staaten Europas wurde dagegen bloß »taktische« Qualität beigemessen. Zu allem Überfluß kam dann noch das in wörtlicher deutscher Übersetzung geradezu blasphemisch klingende Wort »Theater Weapons« hinzu; wenn
man den Begriff – sinngemäß richtig – als »Kriegsschauplatz-Waffen« ins Deutsche übertrug, wurde die Sache nur noch schlimmer; fünfundsiebzig Millionen Deutsche lebten im Zentrum des gedachten »Kriegsschauplatzes«, und es war durchaus vorstellbar, daß im Falle eines bewaffneten Konfliktes der »Schauplatz« im wesentlichen auf die beiden deutschen Staaten beschränkt blieb. Schon aus psychologischen und semantischen Gründen sprach ich deshalb meist von »eurostrategischen« Waffen, die mein Volk bedrohten.
Ich erläuterte Carter und Brzezinski immer wieder, es sei für uns unerträglich, die nukleare Bedrohung und Verletzbarkeit der USA so hoch zu bewerten, daß sie dringend begrenzt und jedenfalls ins Gleichgewicht gebracht werden müsse (was ganz meine Meinung war), gleichzeitig aber die genauso offenkundige nukleare Bedrohung und Verletzbarkeit Deutschlands zu vernachlässigen. Ich könne keineswegs akzeptieren, daß man diese Gefahr für so unerheblich ansehe, daß man glaube, sich weder um quantitative Begrenzungen noch um ein annäherndes Gleichgewicht bemühen zu müssen. Bei jeder Unterhaltung brachte ich meine zunehmende Besorgnis zum Ausdruck. Ich sprach darüber zu den Amerikanern wie zu den Sowjets in der gleichen Sprache und mit den gleichen Argumenten. Später gewann ich den deprimierenden Eindruck, daß Leonid Breschnew meine Besorgnisse besser verstehen konnte als Jimmy Carter.
Carter wie auch Vance hatte ich im Verlauf des Jahres 1977 mehrfach gesehen. Offenbar wuchs in dieser Zeit Brzezinskis Einfluß auf den Präsidenten. Der Sicherheitsberater bekam immer mehr Spielraum für seine außenpolitischen Operationen, und es wurde zunehmend erkennbar, daß die Leute im Weißen Haus in vielen Fällen den von uns allen geschätzten Cyrus Vance und das State Department übergingen. Im Zuge dieses wachsenden Einflusses kam es 1977 zu zwei Besuchen Brzezinskis bei mir; er trat unverhüllt als selbstbewußter Vertreter einer Weltmacht auf. Wahrscheinlich hielt er sich für einen Realpolitiker; zweifellos aber war er ein Falke, was die Politik gegenüber der Sowjetunion anlangte.
Der Präsident dagegen war ein Moralist. Beide, Carter und Brzezinski, überschätzten in gleicher Weise die Gestaltbarkeit der Welt durch bloße Entscheidungen im Weißen Haus. Dies wurde ein Jahr später besonders deutlich, als man dort Schah Mohammed Reza Pahlevi mit großem propagandistischem Aufwand an der Macht zu halten suchte, ohne an den Preis zu denken, daß nämlich das nachfolgende Regime Khomeinis für absehbare Zeit ein Todfeind der USA sein würde.
Carters Vorstellung von der Überlegenheit seiner moralischen Position und seine Überschätzung der Gestaltbarkeit der internationalen
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