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Merlin und die Fluegel der Freiheit

Merlin und die Fluegel der Freiheit

Titel: Merlin und die Fluegel der Freiheit Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Thomas A. Barron
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wusste, dass niemand am Strand die Gefahren der Reise morgen einschätzen konnte.
    Ich aber schon. Und jetzt, am Vorabend, empfand ich zunehmende Unsicherheit. Vielleicht wäre es doch besser, hier zu bleiben.
     Wahrscheinlich war der Töter ertrunken. Wenn nicht, brauchte er bestimmt Zeit, sich zu erholen, bevor er wieder angreifen
     konnte. Aber sollte ich dieses Risiko eingehen? Und wie groß war das Risiko, dass Rhita Gawr selbst diese Kinder angriff,
     wenn sein Einmarsch gelang?
    Ich betrachtete die Nebelwand, die eine andere Gestalt annahm: ein hoher, steiler Hügel. Vielleicht die Insel? Die Gefahren
     der Reise dorthin konnten nicht schlimmer sein als die Gefahren des Bleibens. Und vielleicht waren sie geringer. Selbst wenn
     ich mit Schwierigkeiten an der Zauberbannschranke rechnete, sollte die Fahrt nicht länger als einen Tag dauern. Dann, wenn
     die Kinder in Sicherheit waren, hätte ich noch zwei Tage, um als Hirsch zum Kampf mit Rhita Gawr zu laufen. Genug Zeit – gerade
     noch.
    Voller Zweifel wanderte ich die Düne hinunter zum Feuer. Ich sah meine Mutter und ging zu ihr. Sie saß mit gekreuzten Beinen
     im Sand und schaute nicht in die Flammen, sondern an die Stelle, wo wir Stangmar zur Ruhe gelegthatten. Als ich bei ihr war, folgte ich ihrem Blick. Funken flogen auf und tanzten hell, nie erreichten sie das Grab, bevor
     sie erloschen waren.
    Ich räusperte mich, und sie wandte sich mir zu. Wir musterten einander eine Zeit lang, die Gesichter von den flackernden Flammen
     erhellt. Bestimmt dachte sie wie ich über den Mann nach, der unser Leben so tief beeinflusst hatte und doch, selbst im Tod,
     ein solches Rätsel geblieben war.
    Das kleine Mädchen mit den abstehenden Zöpfen, das ich als Cuwenna kennen gelernt hatte, hüpfte herüber, es kaute an einer
     gebratenen Muschel. Es warf sich in den Sand zwischen meine Beine. »Macht dir das was aus, Merlin? Mir ist kalt.«
    Ich musste grinsen. »Nein, Cuwenna, es macht mir nichts aus. Du kannst hier bleiben, solange du willst.«
    »Danke, Merlin.«
    Noch als ich ihr einen Klaps auf die Schulter gab, drehte ich mich instinktiv vom Feuer weg und der langen Dünenreihe zu.
     Plötzlich sah ich eine undeutliche Gestalt auf der entferntesten Düne, die dem Wasser am nächsten war. Die Gestalt schien
     sich uns zu nähern, aber so langsam, dass sie auch ein abgetriebener Nebelstreif hätte sein können. Doch etwas sagte mir,
     dass es kein Nebel war, sondern ein Mann.
    Ein Mann, der verstohlen näher kroch wie eine Katze, die sich an ihr Opfer heranschleicht. Das Licht vom Feuer spiegelte sich
     schwach in etwas Metallischem an seiner Seite.
    Mein Herz trommelte gegen meine Rippen. Der Töter! Aber wieso? Ich musste seine Stärke unterschätzt haben – und seinen Rachedurst.
     Er war zurückgekommen!
    Verzweifelt schaute ich über den Strand und suchte nach einer Stelle, wo die Kinder sich verstecken konnten. Aberda gab es nirgendwo eine Zuflucht außer dem Meer. Hätten wir doch nur das Floß fertig gebaut! Dann könnten wir davonfahren,
     bevor er uns erreichte. Wenn . . .
    Halt! Da gab es eine Möglichkeit, ein Schiff, mit dem wir in See stechen konnten. Es könnte gehen . . .
    Eilig hob ich Cuwenna auf und rief: »Kommt jetzt, ihr alle! Folgt mir.« Ich sah das verblüffte Gesicht meiner Mutter und sagte
     drängend: »Er kommt zurück.« Lleu schrie ich zu: »Komm! Bring alle. Zum Hut!«
    Wir rannten den Strand hinunter, jeder Einzelne von uns, stolperten auf dem durchweichten Sand übereinander und liefen weiter
     zum großen Hut. Die Wellen der Flut leckten an den Weidenzweigen um seine Unterseite. Ich wusste nicht, ob er im Wasser ganz
     bleiben, ob er überhaupt schwimmen würde. Aber das war unsere einzige Chance. Der Töter hatte wahrscheinlich gesehen, dass
     wir das Feuer verlassen hatten; er könnte jetzt schon am Fuß der Dünen entlanglaufen und schnell näher kommen.
    »Schiebt, alle miteinander!«, rief ich und stemmte die Schulter gegen die eng verflochtenen Zweige im Hut. Große und kleine
     Kinder taten das Gleiche, Elen ebenso. Stimmen ächzten und stöhnten, Füße gruben sich in den Sand, aber der große Hut bewegte
     sich nicht.
    »Noch mal!«, rief ich. »Alle miteinander!«
    Rücken und Beine spannten sich. Eines der kleineren Kinder fing an zu schluchzen. Dann, endlich, ruckte der ganze Hut. Er
     scharrte über den Sand, glitt über eine von Steinen umgebene Flutlache und ins seichte Wasser, der wogenden Nebelwand zu,
     die

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