Nicht ohne dich
Edith so dankbar, denn ich wusste, dass sie Mama überredet hatte, mir das Kleid zu machen, das ich wollte. Wir fielen uns in die Arme und hielten uns fest. »Mama, es tut mir so leid, dass ich gesagt habe, ich würde mir meine Kleider lieber selbst kaufen«, beteuerte ich. »Du bist eine fantastische Schneiderin …«
Sie schnitt eine Grimasse. »Trotzdem sollte ich lieber die Wünsche meiner Kundinnen erfüllen, stimmt’s?«
Sie holte den Stoff und zeigte ihn mir. Blaugrüner Crêpe, ganz weich. Ich konnte jetzt schon sehen, wie schön das Kleid aussehen würde. Ich war begeistert.
Als ich am nächsten Tag von der Schule nach Hause kam, rief Mama mich zu sich. »Ich habe ein Probestück gemacht, komm und schau, ob es dir gefällt.«
Aus einem alten Bettlaken hatte sie ein Modell meines künftigen Kleides angefertigt. Mama ging immer nach dieser Methode vor, nach allen Regeln der Schneiderkunst. Das Kleid hatte ein tailliertes Oberteil mit einem kleinen V-Ausschnitt, wie ich es mir wünschte, und einen bauschigen, ausgestellten Rock. Das Beste war, dass Mama genauso begeistert war wie ich, als sie mir das zugeschnittene Laken ansteckte.
»Der Rock fällt wundervoll«, sagte sie, ein Stück zurücktretend, um ihr Werk zu begutachten. »Du bist richtig hübsch geworden, weißt du das eigentlich?«
»Das sagst du nur, weil du meine Mutter bist«, entgegnete ich. »Paula ist hübscher als ich.«
Mama sah mich an, als wüsste sie es besser. Darüber freute ich mich richtig. Plötzlich runzelte sie die Stirn. »Werd aber bloß nicht zu schnell erwachsen.«
Das gefiel mir nun weniger. Sie bemerkte es und seufzte: »Keine Bange. Ich weiß schon, dass du nicht ewig meine Kleine sein kannst.«
Als ich Raffi das nächste Mal traf, fragte er mich: »Ist dein Kleid bald fertig?«
»In einer Woche«, erklärte ich. »Ich bin froh, dass sich deine Mama für mich eingesetzt hat.«
»Sie hat dich eben sehr gern«, meinte er. »Dann wirst du es also tragen, wenn wir uns das nächste Mal treffen?«
Irgendwie hatte ich plötzlich Hemmungen, deshalb sagte ich: »Wenn sie es mir erlaubt.« Das beste Kleid zog man schließlich nur zu besonderen Gelegenheiten an und vielleicht galt ein Treffen mit Paula nicht als solche.
Er wirkte enttäuscht. »Ich würde dich so gern darin sehen.« Auf seinen Wangen breitete sich eine Röte aus, und plötzlich wurde mir bewusst, warum ich dieses schicke Kleid gewollt hatte: für ihn. Ich fragte mich, was Mama wohl dazu sagen würde, wenn sie das wüsste, und von unseren heimlichen Verabredungen. Doch ich spürte, dass sie es besser nicht erfuhr, und zwar nicht nur, weil sie uns verbieten könnte, uns weiterhin zu treffen.
Ich sagte ihm, ich würde es versuchen.
Mama erzählte ich, Paulas Mutter würde uns ausführen und ich wolle ihr zeigen, dass Eleganz nichts mit Geld zu tun habe. Es funktionierte. Mama erlaubte mir sogar, die Bernsteinkette zu tragen, die ich von Omi geerbt hatte, und die dazu passenden Ohrringe in Form kleiner Bernsteintropfen.
Wir hatten uns am Zoo verabredet. Zuvor schlüpfte ich noch kurz in die Damentoilette an der Bahnstation gegenüber und bemalte mir den Mund mit dem Lippenstift, den ich mir gekauft hatte. Ich hatte mit Paula geübt, ihn aufzutragen. »Klaus-Heinrich wird begeistert sein«, befand sie. »Und die Bernsteinkette passt perfekt, sie harmoniert mit deinen goldbraunen Haaren.«
»Die sind rot«, widersprach ich.
»Goldbraun«, sagte sie fest.
Einen Augenblick sah ich Klaus-Heinrich vor mir, den schüchternen Jungen mit dem welligen braunen Haar und den seelenvollen braunen Spanielaugen. Paula fand ihn süß. Er ging noch zur Schule, und sein Lieblingsfach war deutsche Literatur, was auf das Unverständnis seiner Familie stieß. Ich verbrachte reichlich Zeit damit, mir immer wieder neue Geschichten über ihn auszudenken, die ich Paula erzählen konnte. Manchmal glaubte ich schon selbst, dass Klaus-Heinrich wirklich existierte, und hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn vernachlässigte.
Raffi stand, einen Schal um den Hals und die Hände in den Taschen, vor dem Zootor. Es gab ein neues Gesetz, wonach Juden einen gelben Stern an der Kleidung tragen mussten, aber Raffi hatte seinen nur mit einer Sicherheitsnadel angebracht und ihn in die Tasche gesteckt. Als ich ihm zuwinkte, entdeckte er mich.
»Trägst du dein neues Kleid?«
Ich nickte.
»Tja, ich habe mich auch fein gemacht«, sagte er, »und schau …«
Er zog eine kleine Rolle
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