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Panter, Tiger und andere

Panter, Tiger und andere

Titel: Panter, Tiger und andere Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Kurt Tucholsky
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verstand diese neue Welt sehr gut, weil er ihre geschichtliche Entstehung kannte aber er verstand diese Welt nicht mehr, von der er behauptete, sie liefe falsch. Das gibt es nicht. Die Realität ist niemals falsch. Sie ist. Maximilian Harden hat den Deserteur Wilhelm bekämpft, als der noch Kronprinz war – »Phaeton« nannte er ihn – und es kostete auch damals schon allerhand, die Wahrheit zu sagen: Harden hat seine Festungsstrafe abgesessen. Sein glitzernder Feind war sein eignes Widerspiel: er fiel fast automatisch zusammen, als der nicht mehr war; sein Gleichgewicht war von Stund an gestört, ihm fehlte etwas. Er hat über Ebert die erfreulichsten Sätze geschrieben – ein Ersatz war der nicht.
    Wenn Schriftsteller Analogien im Tierreich haben –: dieser war eine Schlange. Schön, gefährlich, giftig, böse, im Jagdeifer herrlich anzusehen, nimmersatt. Er stand turmhoch über den deutschen Journalisten, deren erster er war – die Gockel des Leitartikels, die ihn heute bekrähen und sich überlegen dünken, nur, weil jener tot ist und sie leben, dürfen auch nicht im selben Zimmer mit ihm genannt werden. Sein Fachwissen war fast so schmerzlich groß, wie seine Personalkenntnis, und es spricht für die ganze Dumpfheit und Beschränktheit der deutschen Beamtenkaste unter zwei Regimen, dass kein Amt mit diesem Mann jemals zusammengearbeitet hat. In Frankreich hätten ihm alle politischen Karrieren offen gestanden – niemals haben die Franzosen solche Begabungen in fressender Negativität verkümmern lassen. In Deutschland – Freilich: er hatte kein Konsulatsexamen gemacht.
    Maximilian Harden war einer der wenigen deutschen Journalisten, die eine Macht bedeuteten. Davon gibt es nicht viele: der deutsche Zeitungsbesitzer will keine Macht, sondern Geld verdienen (daher ist die deutsche Zeitung im allgemeinen sauber und wenig korrupt) – der deutsche Journalist braucht nicht bestochen zu werden, er ist so stolz, eingeladen zu sein, ein paar Schmeicheleien… Er ist schon zufrieden, wie eine Macht behandelt zu werden. Er übt sie nicht aus. Zu Harden floß der breite Strom der Information, die Abwässer des Klatsches, die Springbäche der witzigen Verleumdungen… er wußte alles. Und er verwertete es auf eine gradezu meisterhafte Weise. Wie das Gehörte in der Klammer wiederkehrte, in kleinen fingierten Gesprächen aufblitzte, wie eine Intimität unsicher machte, die dem Angegriffenen zeigte, dass der Angreifer längst innerhalb der Festungsmauern stand, während die Besatzung ihn noch draußen wähnte – das wurde nur abgeschwächt durch einen Stil, mit dem sich unsereiner niemals hat befreunden können.
    Der Stil war nicht der Mann. Karl Kraus, der »Den im Grunewald« vernichtend geschlagen hat, hat nicht die ganze Armee besiegt – da waren noch Reserven, die nicht im Kampf gestanden hatten. Der Mann war überhaupt nicht zu schlagen, weil er zu vielfältig, zu gespalten, zu vibrierend war – er war niemals ganz zu fassen. Zu fassen war der Stil, jener belächelte, nachgeäffte, parodierte, übersättigte und überpfropfte Stil, von dem ein Boshafter einmal gesagt hat, er sei eine Landschaft, durch die Mayonnaise fließe. Manchmal aber trug der Strom klarstes Gebirgswasser, und merkwürdigerweise allemal dann, wenn Harden nicht für sein Blatt schrieb. So ist zum Beispiel sein Nachruf auf Erzberger – als echte Journalistenarbeit in der stärksten Eile für das Berliner Acht-Uhr-Abendblatt geschrieben – ein Meisterstück schärfster und feinster Charakterisierung. Er konnte so schreiben, dass ihn auch der Mann auf der Straße verstand. Hätte er stets so geschrieben –: er wäre keines natürlichen Todes gestorben.
    Der junge Harden ist Schauspieler gewesen, der alte ist es geblieben. Aber seine zweite Natur war ihm zur ersten geworden, und was vielen als Pose erschien, war seine Art, sich zu geben, – die war ganz echt. Freilich war er nie liebenswerter und bezaubernder wie dann, wenn er sie verließ. Dann… wie war er dann?
    Ich habe Maximilian Harden erst nach jenem Mordversuch kennengelernt, bei dem übrigens der preußische Justizminister gefragt werden darf, ob denn die Attentäter, deren schmutzige Gesinnung aus jedem Wort sprach, ihre Strafe auch zu Ende abgesessen haben. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie im Dunkel der Verwaltungsmaßnahmen heimlich begnadigt worden wären… Damals also sah ich ihn zum ersten Mal, und was mir da entgegentrat, war ein Europäer. Abneigung hin, Kritik her

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