PopCo
rauche und höre Esther, Hiro und dem eher schweigsamen Ben zu, die noch ein bisschen
übers Segeln reden und dann anfangen, über irgendwelche Clubs mit Live-Musik zu plaudern und darüber, wo man hier in der Gegend
wohl Gras bekommen kann. Ben habe ich nur einmal kurz angeschaut, wir haben beide ein bisschen gelächelt. Jetzt glaube ich,
durch das Zwitschern der Vögel und das Plaudern meiner Kollegen ganz leise wieder die spielenden Kinder zu hören: den Kids-Labor-Lärm,
den ich schon bei meiner Ankunft hier gehört habe. Wohin verschwinden die bloß immer? Seit ich hier bin, habe ich kein einziges
Kind zu Gesicht bekommen.
Im Großen Saal ist es kühl und dämmrig, trotz der zunehmenden Hitze draußen. Als wir wieder hereinkommen, werden wir zunächst
nach einer komplizierten mathematischen Formel, die wohl nur Gavin selbst verständlich ist, in «Segelteams» aufgeteilt. Manche
werden von ihren Freunden getrennt und mit anderen durchmischt, doch Esther und ich bekommen Dan als Teamleiter, und Hiro
und Ben werden Chloë zugeteilt. Außerdem ist noch Grace aus der Robotikabteilung bei uns im Team, während Richard, ihr Chef,
in Chloës Team kommt.
Nach einer ersten Einführung in das Segelschiff und seine Einzelteile bekommt jedes Team eine halbe Stunde zugewiesen, um
sich zusammen mit Gavin und dem jeweiligen Skipper auf dem Trainingsboot zu amüsieren. Wir sind erst um halb fünf dran, und
so bitten Dan, Esther, Grace und ich nach dem Mittagessen in der Küche um eine große ThermoskanneTee und steigen zur Bergfestung hinauf, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Es ist warm geworden; ich binde mir meine
Strickjacke um die Taille.
«Wie bist du eigentlich dazu gekommen, dich auf Künstliche Intelligenz zu spezialisieren?», fragt Dan Grace, nachdem wir es
uns mit unserem Tee zwischen den alten Steinen gemütlich gemacht haben. «Hattest du schon vor PopCo Erfahrung damit?»
«Ja, ich habe nach dem Studium an einem Internetprojekt mitgearbeitet.»
«Und worum ging es da?», frage ich.
Grace streicht sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht. «Um ein Chatroom-Programm», sagt sie. «Es sollte echte Gespräche
simulieren. Wir haben Antworten auf alle möglichen typischen Bemerkungen einprogrammiert und dem Programm dann ‹beigebracht›,
wie es auf verschiedene Gesprächssituationen reagieren soll. Wenn der menschliche Chat-Partner seinen Beitrag beispielsweise
mit einem Ausrufezeichen enden lässt, antwortet die Maschine: ‹Ach, wirklich?› Sonderlich gut funktioniert hat das allerdings
nicht, obwohl sie immer noch in die Richtung forschen.» Es klingt nicht sehr begeistert, wie sie davon erzählt.
«Hat es dir keinen Spaß gemacht?», fragt Esther.
«Es war schon okay.» Grace legt die Stirn in Falten. «Aber eigentlich wollte ich immer lieber mit mechanischen Robotern arbeiten.
Das war schon im Studium mein Spezialgebiet. In der Robotik passieren viele spannende Sachen, weil sie so ein wahnsinnig junges
Forschungsfeld ist. Bis jetzt weiß man ja nicht mal, wie man einen Roboter dazu bringen soll, aufrecht auf zwei Beinen zu
gehen.»
«Echt nicht?» Dan klingt erstaunt.
«Nein. Oder hast du schon mal einen voll funktionsfähigen zweibeinigen Roboter gesehen?»
«Ich könnte schwören, ja», sagt Dan. «Zeigen sie die nicht ständig in diesen Wissenschaftssendungen über neue Erfindungen
aus Japan? Ich bin mir sicher, dass ich da schon zweibeinige Roboter gesehen habe.»
«Okay, aber hast du auch gesehen, wie die sich bewegen? Man kriegt sie einfach nicht dazu, sich im dreidimensionalen Raum
zurechtzufinden, sie kippen immer um. Und ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was für einen Programmieraufwand es erfordert,
dass sich ein Roboter auch nur über eine ebene Fläche bewegt. Unser Hirn muss Millionen von Nervenimpulsen aussenden, damit
der Körper über einen der Steine hier klettern kann. So einen Prozess bei einem Roboter nachzubilden ist mehr oder weniger
unmöglich. Da will man gar nicht erst über genmanipulierte Nahrungsmittel nachdenken …»
«Genmanipulierte Nahrungsmittel?», fragt Dan. «Was haben die denn damit zu tun?»
«Die Robotik in ihren verschiedenen Formen existiert schon sehr viel länger als die Gentechnologie», erklärt Grace, «aber
wir schaffen es immer noch nicht, diese Maschinen aufrecht gehen zu lassen. Wenn man auf so einem Gebiet arbeitet, macht man
sich plötzlich viel mehr Gedanken über
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