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Robur der Sieger

Robur der Sieger

Titel: Robur der Sieger Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jules Verne
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Herr«, erwiderte Phil Evans in derselben Tonart,
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    »für das Vergnügen, Sie verlassen zu können, würden wir
    gern die Gefahr auf uns nehmen, von den Eingeborenen
    hier übel empfangen zu werden. Ein Kerker ist so gut wie
    der andere, aber Timbuktu immer noch besser, als die ›Al-
    batros‹.«
    »Das ist Geschmackssache«, versetzte der Ingenieur.
    »Auf keinen Fall möchte ich das Abenteuer wagen, denn ich
    bin verantwortlich für die Sicherheit der Gäste, die mir die
    Ehre erweisen, mit mir zu reisen ...«
    »Sie begnügen sich also nicht mehr, Ingenieur Robur«,
    platzte jetzt Onkel Prudent, dem die Galle überlief, heraus,
    »mit der Rolle unseres Kerkermeisters – nein, Sie müssen
    uns auch noch beleidigen?«
    »O, das war höchstens eine erlaubte Ironie!«
    »Gibt es denn keine Waffen an Bord?«
    »Sicher, ein ganzes Arsenal.«
    »Zwei Revolver würden genügen, wenn ich den einen
    nehme und Sie, mein Herr, den anderen.«
    »Ein Duell«, rief Robur, »ein Duell, das einen von uns
    das Leben kosten könnte!«
    »Nein, ihn sicher kosten würde!«
    »Nein, nein, mein Herr Präsident des Weldon-Instituts,
    ich ziehe es vor, Sie am Leben zu erhalten.«
    »Um sicherer zu sein, daß Sie selbst leben bleiben. Das
    ist sehr klug.«
    »Klug oder nicht, mir paßt es eben. Es steht Ihnen völlig
    frei, darüber anders zu denken und Klage zu erheben, wenn
    Sie es können.«
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    »Das ist schon geschehen, Ingenieur Robur!«
    »Wirklich?«
    »War es denn bei unserer Fahrt über die bewohnten Ge-
    genden Europas so schwierig, ein Schriftstück hinunterfal-
    len zu lassen ...«
    »Das hätten Sie getan?« unterbrach ihn Robur, in dem
    der Zorn hell aufloderte.
    »Und wenn wir es getan hätten?«
    »Wenn Sie es getan hätten, verdienten Sie ...«
    »Was denn, mein Herr Ingenieur?«
    »Daß man Sie Ihrem Schreiben über Bord nachfliegen
    ließe!«
    »So werfen Sie uns über Bord ... Wir haben es getan!«
    rief Onkel Prudent.
    Robur trat auf die beiden Kollegen zu. Auf ein Zeichen
    von ihm waren Tom Turner und einige seiner Kameraden
    herbeigelaufen. Ja, der Ingenieur hatte verzweifelte Lust,
    seine Drohung zur Ausführung zu bringen, und ohne Zwei-
    fel zog er sich nur aus Besorgnis, ihr nicht widerstehen zu
    können, plötzlich in seine Kabine zurück.
    »Sehr schön!« sagte Phil Evans.
    »Und was er zu tun nicht wagte«, erklärte Onkel Pru-
    dent, »das werde ich wagen, ich, ja, ich werde es tun!«
    In diesem Augenblick liefen die Bewohner von Tim-
    buktu auf den Plätzen und Straßen der Stadt zusammen
    und sammelten sich auf den Terrassen der amphitheatra-
    lisch erbauten Häuser.
    In den reichen Vierteln von Sankore und Sarahama, wie
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    in den elenden kugelförmigen Hütten des Stadtviertels Ra-
    guidi donnerten die Priester von den Spitzen der Mina-
    retts die schlimmsten Flüche und Verwünschungen gegen
    das Ungeheuer in der Luft. Das war indes unschädlicher als
    Flintenkugeln.
    Und auch bis zum Hafen von Kabara an der scharfen
    Biegung des Niger war alles, was sich auf Schiffen und Boo-
    ten befand, in lebhaftester Bewegung. Wenn die ›Albatros‹
    hier zur Erde niedergegangen wäre, die Leute hätten sie in
    Stücke gerissen.
    Während einiger Stunden folgten ihr schreiend und an
    Schnelligkeit wetteifernd lärmende Scharen von Störchen,
    Haselhühnern und Ibissen; ihr rascher Flug hatte sie aber
    bald hinter sich zurückgelassen.
    Gegen Abend ertönte ein dumpfes Grollen und Murren
    von zahlreichen Elefanten und Büffeln, die in diesen, durch
    ganz besondere Fruchtbarkeit ausgezeichneten Gebieten
    umherirrten.
    Während 24 Stunden entrollte sich die ganze zwischen
    dem Meridian 0 und dem 2. Längengrad zwischen dem Knie
    des Stroms gelegene Gegend unter der ›Albatros‹ gleich ei-
    nem Wandelpanorama.
    Ja, wenn ein Geograph einen solchen Apparat zur Verfü-
    gung gehabt hätte, wie leicht wäre es ihm dann nicht gewe-
    sen, eine topographische Aufnahme des Landes auszufüh-
    ren, die höchsten Punkte zu messen, den Lauf der Ströme
    und ihrer Nebenflüsse zu bestimmen und die Lage der
    Städte und Dörfer festzusetzen. Dann gäbe es in den Karten

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    von Innerafrika nicht mehr so viele leere Stellen, so viele nur
    mit blassen Farben markierte Länder – und keine punktier-
    ten Linien und unsicheren Abgrenzungen mehr, welche die
    Kartographen zur Verzweiflung bringen.
    Am Morgen des 11. überschritt die ›Albatros‹ die Berge
    des nördlichen

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