Saemtliche Werke von Jean Paul
des Glücks und des Unglücks, wie es ihnen aus einer Laune der Erde, des Himmels oder ihrer Oberen zukam. Seit Jahrhunderten, genauer: seit die religiösen und konfessionellen Fragen aufgehört hatten, ins Innerste des Menschen zu greifen, war hier ein Reservoir menschlichen Daseins aufgespeichert, von Urerlebnissen erfüllt, von einer jungfräulichen Unberührtheit des Geistes, von den Kräften einer jungen und unverbrauchten Rasse, die sich bei der ersten Berührung mit den geistigen Mächten der Zeit wie eine Springflut ins Land ergießen mußte.
Ganz anders mußte sie sich geben als etwa Goethe, der Erbe einer jahrhundertalten rheinischen Kultur, der das Dasein nur als Form und Gesellschaft kannte, in eine bewußte, vergeistigte Atmosphäre erhoben. Aus diesen von Geschichte und geistiger Entwicklung abseits gelassenen Bezirken mußte ein Strom des Daseins selber in die alte Kultur einbrechen, stärker an Urerlebnissen, an Vertrautheit mit der Schwere und Eigenart der Dinge, dem mühseligen Alltag, dem fluchbeladenen Menschen. Was durch die Einwirkung einer Epoche von umwälzenden naturwissenschaftlichen Entdeckungen und einer an der Scholastik geschulten rationalistischen Philosophie bereits spezialisiert und differenziert war, was sich durch Einfluß und Vorbild des französischen Hofes bereits verfeinert und vergeistigt hatte, das mußte nun aus einer neuen Schicht den Ansturm einer Ganzheit und Ungebrochenheit des Lebens aufnehmen.
Wir kennen aus eigner Anschauung einen solchen Zusammenprall alter Bildungsmächte mit jungem unverbrauchtem Volkstum aus der russischen Literatur. Wie dort die Zivilisation des Westens mit der aufgespeicherten Kraft der russischen Erde sich berührte und unter dieser Berührung die langen Romanreihen Dostojewskis und Tolstois erwuchsen, so erhob sich jetzt aus den bis dahin brachliegenden Schichten gerade der protestantischen Länder des alten Reichs, ohne Tradition, eine Reihe von schöpferischen Geistern, die in das ihnen dargebotene Erbe hineinwuchsen und zugleich ein Neues hineintrugen: das Gefühl von der zusammenhängenden Totalität des Lebens, das ihnen noch nicht in Teilgebiete und Einzelprobleme zerfallen war. Aus dem Herzen Deutschlands, aus Schichten, die der seit alters auf die deutsche Kultur einwirkenden Latinität des Südens und Westens entrückter waren, mehr unmittelbar und geradezu aus dem Boden stieg die neue Generation und zugleich in gewissem Sinne sogar neue Rasse der Hölderlin, Hegel, Schelling, auf denen noch ungeteilt die Schwere einer ganzen Welt lastete, die von ihnen neu zu gliedern und neu zu verteilen war. Von ihnen konnte keiner, nicht einmal theoretisch, die Kultur der Alten als unübertreffliches Vorbild und Muster hinnehmen. Und wo es, wie bei Hölderlin, der Fall schien, da war Griechentum nur Maske für das eigne Volk, um dessen Form und Sinn sie rangen. Sie, die aus ungeformten Schichten stiegen, waren weniger als Goethe geneigt, vorhandene Bildungen und Formen anzuerkennen, vielmehr getrieben, ihr Wesen auszusprechen und in Form nur das Vehikel ihrer Gedanken zu sehen. So schufen sie neue Formen der lyrischen oder philosophischen Weltschau, dem Rhythmus der Dinge nachgehend.
Es lag an dem deutschen Schicksal, daß die deutsche Kultur dualistisch gerichtet war, Sein und Sollen darin auseinanderklafften, Diesseits und Jenseits feindlich gegeneinanderstanden. Aus der Berührung der jungen germanischen Stämme mit der spätrömischen Zivilisation war die deutsche Kultur erwachsen. Zwei Zeitalter, zwei Weltanschauungen waren hier ineinandergeschoben. Über das Volksempfinden legte sich eine Bildungsschicht, die ihre Wurzeln im romanischen Süden hatte, nicht in der heimischen Erde. In Recht und Religion, in Bildung und Sitte machte diese Zweiheit sich bemerkbar. Auch die Aufklärung war von Zivilisationsbewußtsein getragen, ja, in ihr wirkte sich der Geist der spätrömischen Zivilisation vielleicht erst ganz aus. Alle Erscheinungen vor das Forum der Vernunft, der ratio , zu ziehen, war in hohem Maße romanisches, nicht deutsches Bedürfnis, war wiederum Angelegenheit einer in Rom wurzelnden Bildungsschicht, die wie in Winckelmann, und nach ihm in Goethe, auf griechische Kultur zurückzugehen glaubte, während sie dem Geist der römischen Kaiserzeit erlag. Nicht nur als katholische Kirche wirkte Rom in Deutschland fort, nicht weniger bedeutend waren die Nachwirkungen der spätrömischen Zivilisation, in der die jungen germanischen Stämme
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