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Salomes siebter Schleier (German Edition)

Salomes siebter Schleier (German Edition)

Titel: Salomes siebter Schleier (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Tom Robbins
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Jerusalem zu spekulieren, und Spoon war entweder zu gebannt oder zu schüchtern, um ihn/sie zu unterbrechen.
    «Nun ja, es stimmt, dass der Erste und der Zweite Tempel beinahe so etwas wie Zwillinge waren, oder Duplikate, um genauer und damit gesünder zu sein, aber ich kann mir ums Verrosten nicht vorstellen, dass die Juden von heute, sosehr sie Traditionen schätzen, etwas den ersten beiden auch nur entfernt Ähnliches bauen würden. Nicht nach all den Fortschritten der modernen Architektur. Nicht angesichts der heutigen Maßstäbe von Stromversorgung und Kanalisation. Bestimmt werden sie einen so großen Komplex nicht mit Silber und Gold pflastern, dafür sind Edelmetalle mittlerweile einfach zu teuer. Und denken Sie nur an den Spott, den sie sich einhandeln würden, wenn sie phallische Säulen errichteten oder die Eingänge mit geschnitzten Früchten schmückten. Wir leben in einer anderen Welt, einer völlig anderen, bis in die Moleküle hinein; selbst für Fundamentalisten ist sie anders.
    Im Zweiten Tempel zum Beispiel war es Frauen verboten, den Innenraum zu betreten. Sie durften nicht über einen abgetrennten Abschnitt im äußeren Hof hinaus, und wenn sie, verzeihen Sie, menstruierten, ließ man sie überhaupt nicht hinein. Können Sie sich vorstellen, dass Frauen von heute so was mitmachen würden? Hoho! Natürlich gibt es immer noch ultraorthodoxe Sekten, in denen Frauen sich die Schädel rasieren und ihre Körper in Jutesäcke stecken, wahrscheinlich, um ihre sexuell ungefestigten Ehemänner nicht ständig in Versuchung zu führen. Aber wenn Sie mich fragen, lassen sich potenzielle Vergewaltiger, wenn sie sich erst an den Anblick solcher Frauen gewöhnt haben, nach einiger Zeit auch davon nicht mehr abschrecken. Dann wird es Männer geben, die sich an glatzköpfigen Frauen
aufgeilen
, und Magazine, deren ausklappbare Modelle rasierte Köpfe und Jutesäcke zur Schau tragen …»
    «Bitte, Ma’am/Sir, Sie schweifen ab.»
    «Oh, ach ja. Sie haben recht», stimmte Can o’ Beans zu. «Tut mir leid.» Doch bevor er/sie fortfahren konnte, näherten sich Painted Stick und Conch Shell.
    «Guten Morgen», sagte der Behälter. «Wie geht’s? Wollen Sie sich auch ein bisschen Turn Around Norman ansehen? Mr. Sock hat berichtet, er dreht sich wie der sprichwörtliche Kreisel.»
    Die Reliquien waren jedoch keineswegs gekommen, um den unvergleichlichen Norman zu genießen und die aufgewärmten Geschichten und gewagten Schlussfolgerungen der Bohnendose zu bestätigen oder zu widerlegen. Sie waren gekommen, um zu erklären, dass sie eine Entscheidung getroffen hatten, und diese Ankündigung kam so unerwartet, dass Dirty Sock sich vom Gitter loseiste und das verdatterte Löffelchen über seinen eigenen Stiel stolperte.
     
    Es war ganz einfach. Die Talismane hatten beschlossen, dass einer aus der Gruppe ihr Versteck in der Kathedrale verlassen und sich in die Stadt hinauswagen musste. Insbesondere musste einer von ihnen Verbindung zu Turn Around Norman aufnehmen, ihm nach Hause folgen, ihn und seine Lebensweise aus nächster Nähe beobachten, sozusagen hinter den Kulissen, und möglichst am nächsten Tag Bericht erstatten. Offensichtlich barg dieser Plan große Risiken, aber es war die einzige Möglichkeit für die Objekte, einigermaßen genau festzustellen, ob der Straßenkünstler aktiv daran beteiligt werden konnte, sie aus der Stadt hinaus und über den Atlantik nach Jerusalem zu transportieren.
    Um die Gefahr, entdeckt zu werden, auf ein Minimum zu beschränken, musste das für diese Mission ausersehene Objekt notgedrungen das kleinste und unauffälligste von ihnen sein. Und das war natürlich das arme Löffelchen.
    I & I

Eine Woche vor Thanksgiving hatte Ellen Cherry einen Kellnerinnentraum.
Den
Kellnerinnentraum. Den Albtraum von den verwechselten Bestellungen. In diesem berüchtigten Traum setzt die Kellnerin (in diesem Falle Ellen Cherry) den Buddhisten Blutwurst und dem Club der Vampire Knoblauchsuppe vor.
    Sie erwachte mit popcorngroßen Schweißperlen auf Oberlippe und Brustwarzen. Und es ging ihr nicht besser, als sie die Lampe angeknipst hatte, denn sie wusste, dass dieser Traum mit einem Bein in der Wirklichkeit stand.
    In der Woche seit ihrem Gespräch, ihrer Konfrontation mit Boomer war ein Sturm von Selbstzweifeln über sie hinweggebraust. Sie pendelte zwischen verletzter Eitelkeit und Hoffnung, sie litt Höllenqualen, empfand gar nichts mehr und unterzog sich schließlich einem inquisitorischen

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