Schattenelf - 4 - Feuerzauber
gehen lassen«, verbesserte er sich.
»Du kennst eine Menge Geschichten, die ich gerne hören würde«, erklärte der Drache. »Hunderte von Jahren habe ich hier still vor mich hingeschlummert. Ich habe euch nicht gebeten, in mein Zuhause einzudringen, und ich habe euch nicht getötet, wie es Dieben gegenüber mein gutes Recht gewesen wäre.«
»Wir waren keine Diebe«, warf Cazzira ein. »Jedenfalls nicht wissentlich.«
»Ihr könnt jedenfalls nicht behaupten, ich hätte mich nicht großzügig gezeigt!«, dröhnte Pherol und stampfte wütend mit dem Fuß auf, so dass die gesamte Höhle erzitterte und die beiden Elfen einen kleinen Hüpfer machten.
»Vollkommen richtig«, stimmte Juraviel ihm zu. »Du warst überaus großzügig, aber das ändert nichts daran, was ich tun muss.«
»Du hättest mich fragen sollen!«
»Du hättest mich nicht gehen lassen!«
»Jedenfalls nicht allein.«
Das ließ die beiden Elfen stutzen, und sogar der Drache schien über seine eigenen Worte ein wenig überrascht.
»Soll das heißen, du würdest Cazzira erlauben, mich zu begleiten?«, fragte Juraviel.
»Ich selbst möchte euch beide nach draußen begleiten!«, antwortete Pherol, und es war nicht zu übersehen, dass er sich erst in diesem Moment zu diesem Entschluss durchgerungen hatte. »Genau«, sagte er und nickte, als ob er zu sich selbst spräche. »Es ist viel zu lange her, dass ich den weiten, blauen Himmel genossen, das Gebiet der Alfar und der minderen Völker durchwandert habe. Wir werden zusammen fortgehen und diese Brynn ausfindig machen, wenn sie noch lebt – und wenn nicht, werden wir selbst ein Abenteuer erleben!«
Juraviel hatte das Gefühl, als ob ihm plötzlich etwas die Kehle zuschnürte, und als er zu Cazzira hinüberschaute, sah er, dass sie ebenso bestürzt war wie er. Was hatte er nur angerichtet? Welches Unheil hatte er, ganz ohne es zu wollen, soeben heraufbeschworen?
»Ja, mein letztes Abenteuer liegt viel zu lange zurück. Viel zu lange habe ich meinen Schatz nicht mehr vermehrt!«, verkündete Pherol. »Macht euch bereit. Wir brechen auf, sobald ihr soweit seid.« Mit diesen Worten entfernte sich der Drache, dem plötzlich sehr viel leichter ums Herz zu sein schien.
Juraviel konnte den Blick noch immer nicht von Cazzira abwenden, die nun auf ihn zustolperte. »Das können wir unmöglich tun«, keuchte sie so außer Atem, dass sie kaum sprechen konnte.
»Wir können ihn schwerlich daran hindern«, erwiderte Juraviel. Plötzlich wurde ihm bewusst, was er da eigentlich sagte – er zwang sich, die Verantwortung dafür zu übernehmen, Pherol diese Flausen in den Kopf gesetzt zu haben.
»Vor allem können wir ihn nicht kontrollieren«, erinnerte ihn Cazzira. »Wie viele werden wegen dieses Irrsinns sterben?«
Juraviel versuchte alle Gereiztheit im Ton zu vermeiden, was seinem Sarkasmus aber keinen Abbruch tat. »Es sind ja bloß Menschen, nicht?« Die Worte waren noch nicht ganz über seine Lippen gedrungen, als er sie auch schon bereute, denn Cazzira fuhr, einen gekränkten Ausdruck im Gesicht, zu ihm herum.
»Tja, vielleicht habe ich ja auch Angst, er könnte über das Gebirge fliegen und Tymwyvenne angreifen«, entgegnete die Doc’alfar. »Es wäre wohl auch etwas viel verlangt, mir wegen irgendwelcher Menschen Sorgen zu machen.«
Sie machte Anstalten, sich zu entfernen, doch Juraviel packte sie mit beiden Armen und hielt sie fest, so sehr sie sich auch sträubte. »Ich habe Angst, Cazzira «, gestand er. »Ich möchte dir wirklich nicht wehtun, aber ich habe Angst.«
Dann hörten sie von oben ein kehliges, schnarrendes Geräusch, und es dauerte einen Moment, bis sie begriffen, dass der Drache in seiner uralten Sprache redete – nein, er sang! Sowohl Juraviel als Cazzira, deren Sprachen auf denselben Ursprung zurückgingen wie die des Drachen, verstanden den Gesang gut genug, um herauszuhören, dass darin ausschließlich vom Plündern und Brandschatzen die Rede war, von schmackhaftem Menschenfleisch und den vielen Kostbarkeiten, die die Menschen unablässig aus glitzernden Steinen und blinkendem Metall herstellten.
»Ich denke, du solltest dich einmal ausführlich mit unserem neuen Freund unterhalten«, sagte Cazzira trocken.
»Das hat uns ja erst in diesen Schlamassel reingeritten«, erinnerte Juraviel sie.
Die beiden Elfen versuchten, so viel Zeit wie möglich zu schinden, doch als aus den Stunden schließlich Tage wurden, steigerte sich auch der Gesang des Drachen und wurde immer
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