Schattenelf - 6 - Der letzte Kampf
gestützt. Eine Flut von Gedanken schoss ihm durch den Kopf. Er wusste bloß eins, er war übel hinters Licht geführt worden – nur war er nicht sicher, ob er diese Täuschung Abt Olin oder Pagonel zu verdanken hatte.
Einen Moment lang erwog er, Abt Olin noch einmal zurückholen zu lassen, doch im Grunde wusste er, dass es dafür längst zu spät war. Als dieser bis ins Mark verdorbene Mensch behauptet hatte, er wolle seinen Kopf auf einem Pfahl aufgespießt sehen, war das sein bitterer Ernst gewesen.
»Chezru, was sollen wir jetzt tun?«, klagte einer der verwirrten Yatols an Wadons Seite.
Yatol Wadon blickte hinunter auf die tumultartigen Szenen, die jeden Augenblick auf die gesamte Stadt überzugreifen drohten. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, was nun zu tun war.
22. Ein selbstloser Entschluss
Brynn lenkte Nesty durch die schuttübersäten Straßen von Jacintha. Vielerorts im gesamten Stadtgebiet schlugen Flammen in den Himmel, die größte Feuersbrunst indes, die bei den Stallungen und Vorratslagern, war mittlerweile erloschen und hatte ein schwarzes, schwelendes Trümmerfeld hinterlassen. Obwohl der Tag sich bereits dem Ende zuneigte und überall in den Straßen Leichen lagen, wurde in der Stadt noch immer gekämpft. Kein Mensch hätte noch zu sagen vermocht, wer eigentlich gegen wen kämpfte, und selbst vom Rücken Pherols aus hatte Brynn in den zahllosen, mit äußerster Härte ausgefochtenen Scharmützeln kein klares Muster erkennen können. Sie wusste nur eins: Jacintha war eine Stadt, die in völligem Chaos zu versinken drohte. Prinz Midalis war bei der Landung seiner Flotte im Hafen nirgendwo auf nennenswerten Widerstand gestoßen und hatte diesen Teil der Stadt mittlerweile fest in seiner Gewalt. Die offizielle Stadtwache Jacinthas hatte einen Sicherheitskordon um Chom Deiru gelegt, und eine Abteilung der Streitmacht des Bärenreiches hatte, kaum zurückgekehrt von der ergebnislosen Verfolgungsjagd auf Brynn, einen Ausbruch aus der Stadt unternommen. Die Soldaten waren in die Vorberge des Großen Gürtels marschiert, und nichts deutete darauf hin, dass sie planten, wieder zurückzukehren.
Belli’mar Juraviel hatte Brynn zugesichert, Lozan Duk und die anderen Alfar würden sie auf der gesamten Strecke bis zurück nach Entel im Auge behalten.
Aber die aus der Stadt geflohene Streitmacht des Bärenreiches war nicht annähernd so groß wie jene, die ursprünglich in Jacintha einmarschiert war. Nur etwa ein Drittel der Krieger hatte den Rückweg in die Heimat angetreten, sodass sich die Zahl der in der Stadt zurückgebliebenen Truppen noch auf etwa siebentausend Mann belief.
Jetzt, da sie sich einen Weg durch die Stadt bahnte und Nesty immer wieder um Stellungen, in denen überall schwer gepanzerte Leichen lagen, herumlenken musste, dämmerte Brynn, dass der größte Teil von ihnen nicht mehr am Leben war. Einmal passierte Brynns Trupp eine Stelle, wo man fünf Männer an einem hohen Fensterkreuz aufgehängt hatte vier von ihnen trugen das braune Gewand der Abellikaner-Mönche.
»Du hast es wirklich verstanden, die in der Stadt herrschenden Ängste auszunutzen«, sagte Brynn zu Pagonel, der an ihrer Seite ritt.
»Yatol Wadon hat noch immer nicht die leiseste Ahnung, was er nun glauben soll«, erklärte der Mystiker. »Ich denke, er vermutet, dass ich ihn angelogen habe, allerdings hat ihn sein Hass auf Abt Olin für meine Behauptungen auch recht anfällig gemacht.«
»Empfandet Ihr es nicht als schmerzlich, den Mann so zu hintergehen?«, wollte Yatol De Hamman wissen, der, bewacht von zwei To-gai-ru-Kriegern, darunter Tanalk Grenk, hinter den beiden herritt.
»Ich empfinde dies alles als überaus schmerzlich«, erwiderte Pagonel. »Vor allem den unprovozierten Angriff Eurer Streitmacht auf Dharyan-Dharielle.«
Der sonst so herrische Yatol ließ sich in seinen Sattel zurücksinken. »Wohin soll dies alles nur führen?«, fragte er schließlich. »Jacintha liegt in Trümmern. Ohne die ordnende Kraft dieser Stadt werden verbrecherische Kriegsherren vom Schlage meines alten Widersachers Peridan das Land in Stücke reißen.«
»Letztendlich wird zweierlei dabei herauskommen«, sagte Brynn mit einem Seitenblick auf Pagonel.
»Behren wird, ganz gleich, welche Gestalt es schließlich haben wird, ein von Behrenesern für Behreneser regiertes Land sein«, erklärte der Mystiker.
»Und es wird ein Land sein, das für To-gai keine Bedrohung mehr darstellt«, fügte Brynn hinzu. »Was immer in Eurem
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