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Schattenmelodie

Schattenmelodie

Titel: Schattenmelodie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Daphne Unruh
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aus als gewohnt. Beunruhigt schaute ich mich um. Warum lief ich überhaupt durch den Wald und nicht durch das Tal? Kira hatte gesagt, dort habe es noch keine Verschiebungen gegeben. Voller ängstlicher Ahnungen beschleunigte ich meine Schritte. War ich dabei, mich hoffnungslos zu verlaufen? Aber ich hatte Glück. Kurze Zeit später tauchte zwar nicht mein Haus zwischen den Bäumen auf, dafür aber die Akademie. Dankbar lief ich darauf zu. Von hier schlängelte sich ebenfalls ein Weg durch die Häuserreihen bis zu meinem Haus.
    Als ich am Hinterausgang der Küche vorbeilief, öffnete sich die Tür und Else erschien in ihrem blauen Kleid mit den weißen Punkten. Sie stellte dampfende Hefezöpfe auf einem schwarzen Blech zum Auskühlen nach draußen.
    „Neve!“, rief sie erfreut, als sie mich erblickte. „Kindchen, ich hab dich ja so lange nicht gesehen!“
    Sie breitete die Arme aus. Ich wollte am liebsten weglaufen. Aber nicht vor ihr, sondern vor dem Duft der Hefezöpfe. Ich nahm ihren Duft wahr! Ich konnte wieder riechen. Ausgerechnet jetzt! Es war, als würden sich tausend Türen öffnen. Erinnerungen stürmten auf mich ein: unsere Küche im Forsthaus und alle Sorten von Hefekuchen, die meine Oma jemals gebacken hatte. Ich ließ mich von Else in die Arme schließen.
    „Wo warst du denn bloß? Hast du so viel zu tun da draußen?“, fragte sie, während ich am liebsten nie wieder denken, sondern für den Rest meines Lebens nur noch diesen Duft einatmen wollte.
    „Neve?“
    „Ich … ich …“, stotterte ich und versuchte, mir die Nase zuzuhalten. Dazu löste ich mich aus der Umarmung, doch statt es zu tun, rief ich: „… habe HUNGER!“, stürzte mich auf einen der Hefezöpfe und begann, ihn wie eine Verhungernde in mich hineinzustopfen. Else stand mit offenem Mund neben mir. Aber sie fing sich schnell wieder, strahlte über das ganze Gesicht und war im Nu mit einem kleinen Fässchen Butter zur Stelle. „Hier, du musst ihn unbedingt mit Butter probieren.“
    „Mmh“, sagte ich gefügig und ließ mir von ihr eine nicht zu knappe Schicht auf den Rest des Hefezopfes streichen.
    „Setz dich“, forderte Else und zeigte auf die Bank neben der Tür.
    Ich tat wie geheißen. Sie setzte sich neben mich und sah mir selig zu, wie ich auch noch einen zweiten Hefezopf verschlang.
     
    Eine halbe Stunde später hockte ich in meinem geliebten Zimmer auf meiner Meditationsmatte, umringt von meinen Bücherregalen und war sauer auf mich selbst. Was war nur los mit mir? Ich hatte mich ja überhaupt nicht mehr im Griff! Ich stand komplett neben mir, ließ Freunde im Stich, stopfte mich sinnlos voll, verbreitete Notlügen und alles kam nur von diesem ganzen Gefühls-Mist. Ich schlug mit den Fäusten auf die Matte.
    Mein Bauch fühlte sich viel zu voll an. Das Essen, das Else mir noch in Stapeln von Vorratsdosen mitgegeben hatte, hatte ich wütend in den Mülleimer geworfen, es aber dann doch reumütig wieder herausgeholt und für Kira in den Kühlschrank gestellt. Und jetzt konnte ich nicht mal in eine meditative Ruhe finden, um einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Stattdessen fielen mir dauernd die Augen zu und ich wollte einfach nur schlafen. Um der schläfrigen Lähmung zu entkommen, sprang ich auf, setzte mich kerzengerade an meinen Schreibtisch, nahm mir ein Blatt Papier und schrieb darauf:
     
    1. Alles wird so wie früher.
    2. Alles wird so wie früher.
    3. Alles wird so wie früher!
    4. Keinen Gedanken an Tom verschwenden. Keinen!
    5. Zwei Tage kein Essen, kein Trinken, kein Schlaf.
    6. Zu Grete.
     
    Ich pinnte den Plan an die Bücherwand gegenüber meines Schlafplatzes, setzte mich in eine möglichst unbequeme Position, damit ich nicht einschlief, und versuchte, mich wieder auf mein eigentliches Leben zu konzentrieren.
     

Kapitel 29
     
    Als ich an diesem schönen Morgen vor die Tür trat, sah die Welt schon ganz anders aus, im Gegensatz zu meinem ziemlich desolaten Zustand bei meiner Ankunft vor drei Tagen. Die Schnittwunde an meinem Finger war so gut wie verheilt und kaum noch zu sehen. Ich fühlte mich leicht und leer. Ich hatte die letzten zwei Tage wie geplant Konzentrationsübungen gemacht, die Gedanken an und Gefühle für Tom erfolgreich weggeschoben, nicht geschlafen, dafür viele Stunden an meiner Arbeit über die magischen Blasen der Welt gearbeitet und weder etwas gegessen noch etwas getrunken. Nun fühlte ich mich wieder sicher, dass ich die Kontrolle über mich und mein Leben

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