Seelenzorn
beschien, die ihm knapp über dem Saum seines schwarzen Unterhemdes rund um den Hals tätowiert war. Chess hatte sie noch nie bewusst gelesen.
Sie setzte ihr Bier ab und stellte sich vor ihn, zwischen seine langen Beine, sodass sie ihm den Kragen aufmachen konnte. Damit sie es lesen und ihm nahe kommen konnte.
Ego vos mergam, nec merger a vobis. Ich bringe euch zu Fall, damit ich nicht von euch zu Fall gebracht werde.
Als sie aufblickte, musterte er sie mit ungerührter Miene. Die halb verheilte Wunde unter dem Auge bildete einen dunklen Strich auf dem Wangenknochen und fügte sich harmonisch zu der Narbe über der Lippe, der schrägen, krummen Nase und den vorspringenden Augenbrauen. Komisch, dass sie sich gar nicht erinnern konnte, wann sie diese Merkmale zuletzt gesehen, sie bewusst wahrgenommen hatte, zumal sie früher gar nichts anderes an ihm hatte sehen können.
»Was bedeutet das?«
Er zuckte die Achseln. Sein Blick verschob sich auf einen Punkt direkt hinter ihr. »Kenn's nur übersetzt. Kann das Latein nicht aussprechen.«
Sie konnte das sehr wohl, schließlich war Latein Pflichtfach bei der Kirche, aber sie verriet es ihm nicht. Stattdessen fragte sie noch einmal: »Was bedeutet das?«
Stille. Sein Puls schlug regelmäßig unter ihren Fingerspitzen. Sie beobachtete ihn, verfolgte jeden Schlag. Er vertraute ihr, erlaubte ihr, ihn dort anzufassen. Er ließ sich von ihr berühren, sie nahe an sich rankommen. Er vertraute ihr sein größtes Geheimnis an. Was würde er wohl tun, wenn sie den Mund auf diese Ader drückte und ganz sanft an der weichen Haut knabberte? Würde er ihr immer noch vertrauen, würde er es zulassen?
»Da steht, wenn du mich ficken willst, fick ich dich vorher«, sagte er schließlich. Er sah ihr wieder in die Augen. »Heißt, ich krieg dich zuerst.«
Er roch gut. Tabak und Pomade, Bourbon und Bier, vermischt mit etwas, das sie nicht bestimmen konnte, und dazu kam noch der Rauchgeruch in der Luft und der Schnee selbst, der schwach metallisch und zugleich ganz rein roch. Einen Augenblick lang sah Chess sie beide, als steckte sie nicht in ihrem Körper, sah, wie sie sich gegen den Verschlag lehnten und ihre Körper sich beinahe berührten.
Sie wollte ... wollte ihm etwas zeigen. Wollte ihm etwas sagen. Dass sie froh war, weil sie sich wieder vertragen hatten, und dass sie ihm dankbar war, weil er sich um sie gekümmert hatte und er ihr vertraute, und dass sie ihm ebenfalls vertraute. Und wie wichtig es ihr war, sein Geheimnis zu bewahren.
Aber dafür schien es keine Worte zu geben, oder wenigstens keine, bei denen sie sich nicht verhaspeln würde, also beugte sie sich einfach vor und küsste ihn.
Eigentlich hatte sie es kurz halten wollen. Es sollte wirklich nur ein flüchtiger Kuss werden, aber als sie den losgeworden war, wusste sie nicht, wie sie sich wieder zurückziehen sollte. Und als sich seine Brust ihren Händen entgegenwölbte und er den Kuss erwiderte, wurde ihr klar, dass sie gar nicht aufhören wollte. Sie wollte weitermachen. Sie wollte ihn küssen.
Etwas schepperte. Er hatte sein Bier fallen lassen und legte die festen, warmen Hände um ihren Hintern. Er packte ihn, als wolle er sich vergewissern, dass sie wirklich da war. Er fuhr ihr mit den Fingern durchs Haar und ließ sie dann tiefer wandern, bis an ihren Hals und dann noch tiefer, bis sich der Mantel enger um sie schloss, weil er mit geballten Fäusten daran zog.
Die Berührung seiner Lippen sandte ihr Schauder über den Rücken und durch den ganzen Körper, durchströmte sie heiß, und sie revanchierte sich auf die gleiche Weise. Wie sie sich für das anvertraute Geheimnis, für sein Vertrauen revanchiert hatte.
Flüchtig ging ihr durch den Kopf, dass sie noch mehr Geheimnisse erführe, wenn sie ihn weiterküsste, und Antworten auf ungeahnte Fragen bekäme, und das erregte und ängstige sie zugleich, so sehr, dass ihr schwindelig wurde.
Sie wollte das hier. Das war wie das Spiel mit verbotenen Zaubern in der ersten Zeit ihrer Ausbildung oder wie eine Line Speed, die sie unbedingt ziehen wollte, obwohl sie wusste, dass es nicht gut für sie war. Sie wollte alles von ihm nehmen und ihm alles zurückgeben. Sie wollte etwas mit ihm teilen. Sie ließ ihre Finger nach oben wandern, über den harten Kieferknochen bis zu seinen breiten Koteletten, die ihr sanft über die Haut kratzten.
Behutsam öffnete er mit den Lippen ihren Mund und schob die Zunge hinein. Sie hieß sie willkommen und schmeckte Bourbon,
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