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Shannara I

Titel: Shannara I Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Terry Brooks
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gebückter Mann mit scharfen Zügen, gekleidet in rötliche Gewänder. Seine Augen wirkten seltsam verschattet und spiegelten etwas unsagbar Böses wider. Seine Hände glitten nervös über seinen Körper und strichen immer wieder, beinahe mechanisch, über den kleinen, schwarzen Spitzbart. Hinter den beiden standen zwei bewaffnete Wachen, schwarz gekleidet, mit dem Abzeichen des Falken. Vor der Tür hatten zwei weitere Wachen Aufstellung genommen, alle mit spitzen, eisernen Piken. Einen Augenblick lang blieb es still; niemand bewegte sich auch nur, während die Männer einander anstarrten. Dann zeigte Palance mit einer ruckartigen Bewegung zur Tür.
    »Ich spreche allein mit meinem Bruder. Führt die beiden anderen hinaus!«
    Die Wachen gehorchten und trieben die widerstrebenden Brüder nach draußen. Der hochgewachsene Prinz wartete, bis sie gegangen waren, dann blickte er fragend auf die rotgekleidete Gestalt neben sich.
    »Ich dachte, Ihr braucht mich vielleicht…?« Das hagere, berechnende Gesicht blieb Balinor zugewandt.
    »Verlaßt uns, Stenmin! Ich spreche allein mit meinem Bruder.« Seine Stimme klang zornig. Der andere nickte sofort und ging hastig hinaus. Die schwere Tür schloß sich krachend, und die Brüder standen einander in der Stille gegenüber, in der nur das Zischen der Fackel zu hören war. Balinor bewegte sich nicht, sondern wartete ruhig, den Blick auf das Gesicht seines Bruders gerichtet, in dem er Spuren der alten Liebe und Freundschaft zu finden versuchte. Aber sie fehlten oder waren zumindest in einem fernen Winkel des Herzens verborgen, und an ihre Stelle war ein seltsamer, ruheloser Zorn getreten, der eben so sehr einer Unzufriedenheit mit der Situation wie der Abneigung gegen den gefangenen Bruder zu entspringen schien. Dann verschwand der Zorn plötzlich und wurde verdrängt von einer ruhigen Distanz, die Balinor unecht und irrational fand, so, als spiele Palance eine Rolle, ohne sich des wahren Charakters bewußt zu sein.
    »Weshalb bist du zurückgekommen, Balinor?« sagte er langsam und traurig. »Weshalb hast du es getan?«
    Balinor antwortete nicht. Es gelang ihm nicht, den plötzlichen Stimmungsumschwung zu verstehen. Vorher schien sein Bruder entschlossen gewesen zu sein, ihn in Stücke reißen zu lassen, um den Aufenthalt der schönen Shirl Ravenlock zu erfahren, und nun ging er darauf gar nicht ein.
    »Macht nichts, macht nichts…«, sagte Palance, bevor Balinor sich von seiner Verwunderung erholen konnte. »Du hättest fortbleiben sollen, nach… nach all… deinen Verrätereien. Ich hoffte es, weißt du, weil wir uns als Kinder so gut verstanden haben und du schließlich mein einziger Bruder bist. Ich werde König von Callahorn sein… ich hätte eigentlich der Thronfolger sein müssen…« Er verstummte und schien ins Leere zu starren. Er ist wahnsinnig geworden, dachte Balinor verzweifelt. Man kommt nicht mehr an ihn heran.
    »Palance, hör mir zu - hör mir einmal genau zu. Ich habe dir oder deiner Shirl nichts getan. Ich bin in Paranor gewesen und bin nur zurückgekommen, um unser Volk zu warnen. Der Schädelkönig hat eine so riesige Armee aufgestellt, daß sie unbehindert durch das ganze Südland vorstoßen wird, wenn wir sie nicht hier aufhalten. Um all dieser Menschen willen, bitte, hör mich an…«
    »Ich will von diesem albernen Geschwätz über eine Invasion nichts mehr hören!« sagte sein Bruder schrill. »Meine Späher haben die Grenzen des Landes überprüft und nirgends etwas von einer feindlichen Armee gesehen. Außerdem würde niemand es wagen, Callahorn anzugreifen - mich anzugreifen… Unser Volk ist hier in Sicherheit. Was geht mich der Rest des Südlandes an? Was schulde ich ihm? Man hat uns immer alleine kämpfen lassen, alleine das Grenzland verteidigen lassen. Ich schulde den Leuten nichts!« Er trat einen Schritt auf Balinor zu, und der Haß flammte in seinen Augen wieder auf, als sein junges Gesicht sich verzerrte. »Du hast dich gegen mich gestellt, Bruder, als du wußtest, daß ich König werden sollte. Du hast versucht, mich zu vergiften, wie du meinen Vater vergiftet hast - du wolltest, daß ich so krank und hilflos sei wie er… daß ich alleine und vergessen sterbe wie er. Du hast geglaubt, einen Verbündeten gefunden zu haben, der dir den Thron verschafft, als du mit diesem Verräter Allanon fortgegangen bist. Wie ich diesen Mann hasse - nein, nicht Mann, ein böses Wesen! Er muß vernichtet werden! Aber du wirst in dieser Zelle bleiben,

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