Shardik
flüsterte Kelderek.
»Mein Gott, weißt du das nicht?« sagte der Junge. »Genshed – du mußt doch von ihm gehört haben.«
»Einmal, in Kabin, hab ich den Namen gehört; aber woher kommt er? Er ist kein beklanischer Sklavenhändler.«
»Er ist – er ist der schlimmste von allen. Ich hatte von ihm gehört, lange bevor ich ahnte, daß ich ihn je sehen, geschweige denn in seine Hände fallen würde. Hast du gesehen, wie er mir vorhin, als ich mit ihm wegen der kleinen Shara sprechen wollte, mit dem Fliegenfänger drohte?«
»Fliegenfänger?« fragte Kelderek. »Was ist das?«
»Das Ding an seinem Gürtel. Es zwängt einem den Mund auf – weit auf –, und man kann ihn nicht schließen. Ich weiß, es klingt gar nicht schlimm, nicht wahr? Das dachte ich früher auch. Mein Vater würde sich meiner wahrscheinlich schämen, aber ich könnte es nicht noch einmal zwei Stunden lang ertragen – «
»Aber – «
»Gib acht, daß Schreihals dich nicht hört!«
Sie verstummten, als der düster blickende Junge an ihnen vorbeilief, um die Kette eines Knaben freizumachen, der gestrauchelt und sichtlich zu schwach war, um sie selbst loszumachen. Als sie etwas später weitergingen, sagte Kelderek: »Erzähle mir mehr über diesen Mann und wieso du ihm in die Hände gefallen bist. Du bist aus Yeldashay, nicht wahr?«
»Ich heiße Radu und bin der Erbe Elleroths, des Statthalters von Sarkid.«
Kelderek erkannte, daß er von Anfang an gewußt hatte, wer der Junge sein mußte. Er antwortete nicht, und der Junge sagte nach einer Weile:
»Glaubst du mir nicht?«
»Doch, ich glaube dir. Du siehst deinem Vater sehr ähnlich.«
»Wieso, kennst du ihn denn?«
»Ja – das heißt, ich habe ihn gesehen.«
»Wo? In Sarkid?«
»In – Kabin.«
»In Kabin am Stausee? Wann war er dort?«
»Es ist noch nicht lange her. Er ist vielleicht jetzt noch dort.«
»Mit der Armee? Du meinst, General Santil ist in Kabin?«
»Vor kurzem war er dort.«
»Wenn mein Vater nur hier wäre, würde er dieses Schwein sofort töten.«
»Ruhig!« sagte Kelderek, denn die Stimme des Jungen war unbeherrscht angeschwollen. »Da, laß mich das kleine Mädchen nehmen. Du hast sie schon lange genug getragen.«
»Sie ist an mich gewöhnt – vielleicht wird sie weinen.«
Doch Shara lag, halb eingeschlafen, ebenso ruhig an Keldereks Schulter wie vorher an der Radus. Er spürte ihre Knochen, sie war sehr leicht. Zum zwanzigstenmal blieben sie stehen und warteten, bis die Kinder vorne weitergingen.
»Ich habe in Kabin gehört«, sagte Kelderek, »daß du diesem Mann in die Hände gefallen bist. Wie kam es dazu?«
»Mein Vater war auf einem Geheimbesuch bei General Santil – sogar ich wußte nicht, wohin er gegangen war. Ich hörte von einem unserer Pächter, daß Genshed in der Provinz war. Ich fragte mich, was mein Vater von mir erwarten würde – was er bei seiner Rückkehr gerne über mich hören würde. Ich beschloß, meiner Mutter nichts von Genshed zu erzählen – sie hätte mir verboten, mich von unserem Gut zu entfernen. Es erschien mir richtig, zu meinem Onkel Sildain zu gehen, dem Mann der Schwester meines Vaters, und mit ihm zu sprechen. Wir haben uns immer gut verstanden. Ich dachte, er würde wissen, was ich tun solle. Ich machte mich in Begleitung meines Dieners auf den Weg.« Er machte eine Pause.
»Und du bist dem Sklavenhändler zufällig begegnet?« fragte Kelderek.
»Ich benahm mich wie ein Kind, das ist mir jetzt klar. Torok und ich, wir machten in einem Wald Rast, ohne Wache zu halten. Genshed schoß Torok durch die Kehle – er versteht es, seinen Bogen zu gebrauchen. Ich kniete noch neben Torok, als Schreihals und Bled über mich herfielen und mich niederschlugen. Genshed hatte keine Ahnung, wer ich war – ich hatte keine besondere Kleidung angelegt, verstehst du. Als ich es ihnen sagte, war Schreihals dafür, mich freizulassen, bevor ihnen die ganze Gegend auf den Pelz rückte, aber Genshed wollte nicht. Ich nehme an, er will wieder irgendwie zurück nach Terekenalt und dann ein Lösegeld verlangen. Er würde dabei mehr bekommen, als er je bekäme, wenn er mich als Sklaven verkaufte.«
»Aber offensichtlich wollte er deinen Diener nicht fangen?«
»Nein, und es ist merkwürdig, daß er dich gefangengenommen hat. Es ist bekannt, daß er nur mit Kindern handelt. Er hat einen bestimmten Markt dafür, weißt du.«
»Einen bestimmten Markt?«
»In Terekenalt. Weißt du, was er tut? Nicht einmal die anderen Händler wollen
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