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So wie Kupfer und Gold

So wie Kupfer und Gold

Titel: So wie Kupfer und Gold Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Jane Nickerson
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sein.
    Als ich den Inhalt der Amethyst-Dose in mein Taschentuch schüttete und es fest zuband, war die schwarze Nacht bereits grau umrandet. Beeile dich . Ich wickelte mich in einen dicken Kaschmirschal und steckte das Taschentuch zusammen mit meinem Weihnachtsgeschenk – dem schweren, mit Rubinen besetzten Goldschmuck – in mein Retikül. Wenn ich Glück hatte, konnte ich die Juwelen verkaufen. Ich nahm den Schlüsselring und verließ ohne einen Blick zurück mein Zimmer.
    Ich schlich mich die Flure und die gewundenen Hintertreppen hinunter, immer darauf bedacht, die noch schlafenden Dienstboten nicht zu wecken, und schließlich durch die Tür des Musikzimmers nach draußen. Im Wald ächzten die Kiefern. Irgendwo schlug ein Gatter oder Tor – wieder und wieder. Vorsichtig schlich ich mich über die gewundenen Wege hinunter zum Friedhof. In den dunklen Fenstern von Wyndriven Abbey bewegte sich nichts.
    Stürmischer Wind rieb die Blätter der zerrupften Kletterpflanzen an der Friedhofsmauer aneinander; es klang wie das Raspeln und Rascheln trockener Haut. Ich berührte meinen steinernen Engel und bildete mir ein, dass von seinem Fuß Wärme in meine Finger strömte. Dann hob ich den Efeu vom Tor und steckte den Schlüssel ins Schloss. Es ließ sich leicht öffnen, als seien die Angeln erst kürzlich geölt worden. Ich ließ den Efeu wieder herunterfallen und schloss das Tor hinter mir. Falls jemand vorbeikam, würde ihm nichts Ungewöhnliches auffallen.
    Der blasse Mond stand immer noch am Himmel, doch inzwischen zeigte sich über dem Horizont auch ab und zu schon eine bleiche, kalte Sonne zwischen den zerfetzten Wolken. Der Friedhof war so überwuchert, dass die vier Granit-Grabsteine unter dem Wirrwarr aus Unkräutern kaum zu erkennen waren. Weshalb vier? Ach ja, Bernards Sohn Anton lag sicher auch hier, nicht nur die drei Frauen. Ich versuchte nicht, die Kletterpflanzen wegzuziehen, um die Inschriften zu lesen. Ich war nicht wegen dieser Gräber gekommen und auf ein anonymes Grab wies nichts hin.
    Die Fenster der Kapelle waren mit dicken Brettern vernagelt und man hatte nicht mit Nägeln gespart. Bernard mochte es getan haben, um kostbare Buntglasfenster zu schützen – vielleicht wollte er aber auch nicht, dass jemand hineinschaute. Ein erschreckender Gedanke schlich sich in mein Gehirn: Vielleicht hatte er auch nicht gewollt, dass etwas herauskam.
    Ich kämpfte mich zu der eisenbeschlagenen Tür der Kapelle durch; Dornen rissen an meinem Rock und an meinen Beinen. Ich warf noch einmal einen Blick zurück auf das geschlossene Tor in der Friedhofsmauer, steckte dann den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Auch diese Tür ließ sich leicht öffnen. Ein übler Geruch schlug mir entgegen – eine Mischung aus Schimmel und Moder, bemoosten Steinen und Fäulnis. Durch die einen Spaltbreit offen stehende Tür und ein großes Loch in der Decke drangen Luft und das erste Licht der Morgendämmerung.
    Schlanke Säulen, mit aus Stein gemeißelten Girlanden umwunden, stiegen hinauf zu der gewölbten Decke. Die Wände waren mit Szenen aus dem alten Testament bemalt; die Farben leuchteten immer noch. Die jahrhundertealte Hauskapelle war dafür gedacht, einer großen Familie Platz zu bieten. Dunkle Holzbänke waren auf einen reich verzierten Altar hin ausgerichtet. Eine Tür dahinter führte vermutlich in die Sakristei. Ein tiefer Friede lag über dem Raum und ließ mich einen Moment lang reglos dastehen.
    In der Sakristei konnte etwas versteckt sein. Ich ging den Mittelgang hinunter.
    Weit zu gehen brauchte ich nicht. Ich ballte die Hände so fest zu Fäusten, dass sich meine Fingernägel in die Handflächen gruben.
    Sie lagen hinter dem Altar und ausgestreckt auf der vor dersten Bank, sie kauerten zusammengesunken an der Wan d und lagen mit ineinander verschränkten Gliedern auf einem Haufen – die Überreste von sieben Menschen. Bernard hatte keine seiner Frauen auf dem Friedhof bestattet. Ich wusste es nicht und es kümmerte mich auch nicht, was er an ihrer statt beerdigt hatte. Er wollte die Frauen dafür, dass sie sich ihm widersetzt oder sein Missfallen erregt hatten, bis in den Tod hinein entehren und bestrafen, indem er sie einfach liegen ließ und nicht der Erde übergab.
    In seiner Arroganz hatte er sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Leichen zu verstecken.

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