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Stille über dem Schnee

Stille über dem Schnee

Titel: Stille über dem Schnee Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Anita Shreve
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Dollar
kostete. Danach versuchte ich es im Drugstore, es hätte ja sein können, daß
dort in der Babyabteilung rein zufällig das ideale Spielzeug wartete, und als
auch dabei nichts herauskam (außer einer Packung Bonbons), kehrte ich in das
angebliche Billigkaufhaus zurück. Während ich dort umherwanderte, kam mir der
Gedanke, daß Clara ein Geschenk brauchte, in das sie hineinwachsen würde,
irgend etwas, das ewig hielt, ein Spielzeug, das ich bisher übersehen hatte,
mit dem ich selbst spielen konnte, um ihr dann beizubringen, was man damit
machen kann.
    Ich war fünf Minuten vor der Zeit am vereinbarten Treffpunkt und
meine Mutter ebenso.
    Â»Was hast du gekauft?« fragte sie.
    Â»Der Blitzzeichner« , antwortete ich.
    Meine Mutter backte eine Geburtstagstorte in Form einer Eisenbahn.
Ich durfte die einzelnen Waggons mit gelbem, grünem und blauem Guß überziehen,
das Rot hob ich für die Lokomotive auf. Der Zug hatte einen
Marshmallow-Schornstein und Fenster aus Life-Saver-Drops, und er fuhr auf
Lakritzegleisen über den Eßzimmertisch. Als wir fertig waren, sah der Kuchen
aus wie ein richtiges Spielzeug, und keiner von uns wollte ihn anschneiden,
nachdem wir die Kerze für Claras erstes Jahr ausgeblasen hatten.
    Clara war am Morgen mit Ohrenschmerzen aufgewacht. Den ganzen Tag
quengelte und brüllte sie, und noch bevor die ersten Gäste eintrafen, war meine
Mutter mit den Nerven fast am Ende, und mein Vater seufzte nur noch. In meinen
Augen war Clara eine Spielverderberin, zumal ich es kaum erwarten konnte, das
eine unter den vielen hübsch verpackten Geschenken, auf die ich ein wenig neidisch
war, in die Finger zu bekommen.
    Eine Geburtstagsfeier für ein einjähriges Kind ist nie für das
Geburtstagskind. Clara bekam nichts mit von der festlichen Stimmung und der
häuslichen Nervosität. Das Fest war für meine Eltern und für mich. Ich war noch
in dem Alter, in dem man dabeisein muß, wenn die Geschenke ausgepackt werden,
wo es einen in den Fingern juckt, stellvertretend für den anderen das Papier
aufzureißen. Clara, immun gegen die ganze Aufregung, war so erschöpft von ihren
Ohrenschmerzen und ihrem Gequengel, daß sie einschlief, als wir Happy Birthday für sie sangen. Meine Mutter, die sie nicht
wecken wollte, meinte, wir sollten ohne sie feiern, ein Vorschlag, der meine
ungeteilte Zustimmung fand.
    Die meisten Fotos, die an diesem Tag gemacht wurden, zeigen Clara
schlafend, mit leicht geöffnetem Mündchen und laufender Nase, ein spitzes
Papphütchen auf dem Kopf. Ich, in violetten Leggings und einem My Little Pony - T -Shirt, sehe
begierig und fordernd aus, unverkennbar darauf bedacht, zu bekommen, was mir
meiner Meinung nach zusteht. Meine Mutter, die am Abend zugab, daß sie an
Zahnschmerzen litt – die später eine Wurzelbehandlung erforderlich machten –,
hat Falten auf der Stirn. Und auf einem Bild, das meine Mutter aufgenommen hat,
nachdem längst alle Gäste gegangen waren, liegt mein Vater schlafend auf dem
Sofa, von zerknittertem Geschenkpapier umgeben wie von einem wogenden Meer, und
hält Clara an die Brust gedrückt. Man kann ihn schnarchen hören.
    Ich halte Wort. Während mein Vater mit meiner Großmutter
telefoniert und mit ihr bespricht, wie sie am besten nach Lebanon kommt (ihre
Flüge sind alle verspätet oder gestrichen), packe ich mich dick ein in Parka,
Schneehose, Mütze und Skihandschuhe und stapfe hinaus, um den Fußweg zum
Holzschuppen freizuschaufeln. Für meine Großmutter mit ihren dreiundsiebzig
Jahren ist die Reise zu uns ein wahrhaft heldenhaftes Unternehmen. Zuerst muß
sie im eigenen Auto zum Flughafen von Indianapolis fahren, dann fliegt sie nach
Newark, steigt in ein Flugzeug nach Boston um und nimmt von dort die Maschine
nach Lebanon, einen kleinen Hüpfer mit zehn Plätzen, in den die meisten
Zwanzigjährigen nicht einsteigen würden. Und zum guten Schluß erwartet sie noch
die Fahrt nach Shepherd im Laster meines Vaters. Normalerweise braucht sie für
die Reise acht Stunden von Tür zu Tür. Sie schwört, daß es die Mühe wert ist,
aber ich habe so eine Ahnung, daß sie bald nicht mehr in der Lage sein wird,
die Reise zu machen. Dann werden wir sie in Indianapolis besuchen, wogegen ich
überhaupt nichts einzuwenden habe. Drei Flüge an einem Tag finde ich super.
    Das
Schneetreiben ist zu einem Wirbel feinster

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