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Stumme Zeugen

Titel: Stumme Zeugen Kostenlos Bücher Online Lesen
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ihn zu retten. In frühen Jahren war Jess für ihn eine Respektsperson gewesen, die ihn unter ihre Fittiche genommen und wie einen Sohn behandelt hatte. Als er ihn als Rodeoreiter unterstützte, verlangte er als Gegenleistung für die finanzielle Hilfe nur, er solle »die Leute stolz machen«. Auch Jess war ein Dickschädel und immer zuerst auf seine Unabhängigkeit bedacht, doch er blieb stets fair. Das Zerbrechen seiner Familie war für Hearne eine Tragödie, und er gab Karen die Schuld daran, Jess’ Exfrau. Er wusste, dass das Guthaben auf ihrem persönlichen Konto immer mehr wuchs, während es auf dem der Ranch permanent schrumpfte. Wusste, dass sie ständig mit anderen Männern ausging und ein geheimes Leben führte. Sie hatte Geld vom Einkommen der Ranch abgezweigt, ohne dass Jess es je bemerkt hatte. Jahrelang hatte er sich durch das Bankgeheimnis gezwungen gefühlt, nichts zu sagen; er hatte kein Recht, solche Informationen ohne Einwilligung des Kontoinhabers weiterzugeben. Nachdem Karen Jess verlassen hatte und dieser am Boden zerstört war, hatte Hearne sich schuldig gefühlt, weil er den Sturz nicht abgefedert hatte. Er hätte mit Jess oder Karen bei einem Kaffee reden und ihnen sagen können, was er wusste. Im Rückblick sah er, dass er damit zwar gegen das Berufsethos verstoßen, aber das Richtige getan hätte. Jess hatte sich weder von dem emotionalen
noch von dem finanziellen Schock erholt, und jetzt war seine Ranch am Ende.
    Und es war keineswegs so, als wäre Jim Hearne immun dagegen, das Berufsethos zu missachten, und das beunruhigte ihn am meisten. Das Treffen mit Mr Villatoro hatte sein eigenes Versagen offengelegt, auch wenn der ehemalige Polizist es noch nicht wusste. Hearne war klar, dass seine Taten - oder deren Unterlassung - Eduardo Villatoro nach North Idaho geführt hatten.
    Er erinnerte sich an sein erstes Gespräch mit Eric Singer, der mit dem Flugzeug aus Los Angeles gekommen war, um ihn zu treffen und ihm ein Angebot zu machen. Der Zeitpunkt war günstig gewesen, nur wenige Tage nach einer Vorstandssitzung, auf der man sich einig war, die Bank könne nur wachsen, wenn sie ihre Strategie ändere, sich von den wenig einträglichen Agrarkrediten abwende und wie ein modernes Geldinstitut arbeite, nämlich ausschließlich gewinnorientiert. Sie brauche neue Kunden und mehr Geld, um sich entschieden an die Spitze des Landerschließungsbooms zu setzen, der um diese Zeit begann. Da Hearne für die landwirtschaftlichen Kredite zuständig war, erkannte er die Zeichen der Zeit. Und als Eric Singer in seinem Büro auftauchte, da war es, als hätte das Schicksal ihm einen Boten geschickt.
    Zunächst hatte er keinen guten Eindruck von Singer gehabt. Er mochte seine arrogante Art nicht und hielt seine Einstellung gegenüber den Einheimischen für herablassend. Singer sagte, er suche das einsame Leben, ein günstiges Grundstück und eine Umgebung, wo man die Maxime »Leben und leben lassen« beherzige. Statt sich von dem Ruf
abschrecken zu lassen, Kootenai Bay beherberge jede Menge Weiße mit rassistischen Neigungen, schien Singer das eher anziehend zu finden, und er sagte, er habe »die Schnauze voll von der beschissenen politischen Korrektheit«. Hearne erinnerte sich, wie er sich auf die Zunge beißen musste, als er Singer so reden hörte. Aber er musste sich entscheiden zwischen der Verteidigung seiner Heimat und der Aussicht auf gewinnbringende neue Konten. Singer war nicht der erste Excop vom LAPD, der sich in North Idaho zur Ruhe setzen wollte, und bestimmt nicht der letzte. Aber im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die er kennengelernt hatte, versprach Singer, eine kleine Gruppe vermögender Kollegen mitzubringen, wenn Hearne für die richtigen Bedingungen sorge.
    Er sorgte dafür, dass die Bedingungen stimmten, und Singer hielt Wort. Hearne wurde vom Vorstandsvorsitzenden der Bank persönlich befördert, aber die Geschichte verfolgte ihn immer noch.
    Als Bankdirektor wusste er zu viel, und er wünschte, es wäre anders. Doch jetzt war es zu spät für diese Art von Wunschdenken.
    Obwohl Laura ihm einen vorwurfsvollen Blick zuwarf, stellte er das leere Glas auf die Bar und orderte den nächsten Whisky.

Samstag, 18.18 Uhr
    Die Einsatzzentrale für die Suche nach den verschwundenen Taylor-Kindern war in einem modernen Konferenzraum im Gebäude des Stadtrats von Kootenai Bay eingerichtet worden, in unmittelbarer Nähe des Büros des Sheriffs, das etwas weiter den Flur hinab untergebracht war.

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