Tag der Vergeltung
Sache schiefgelaufen war. In all den Jahren, die er für Faro gearbeitet hatte, waren ihm nur sehr wenige Fehler unterlaufen. Und er wollte ihn nicht enttäuschen.
Er spürte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. Wie hatte er sich wegen diesem Nevo, dieser Null, der nicht mal die einfachsten Dinge auf die Reihe bekam, nur in solche Schwierigkeiten bringen können?
Eins war sicher – Nevo und Borochov durften nicht aufeinandertreffen. Optimal wäre es, ihn in der U-Haft zu eliminieren. So ein von heute auf morgen geplanter Mord war allerdings eine schwierige Sache. Erst recht an einem Ort wie Abu Kabir, wo sie eingepfercht waren wie die Heringe. Er musste auf Plan B ausweichen. Kreativ werden.
16
Eli Nachum taxierte Adi Regev, die in der Tür seines Büros stand. Etwas in ihrer Körpersprache, vor allem dieses nervöse Spielen an den Haarspitzen, beunruhigte ihn. Anspannung ging von ihr aus. Womöglich sogar Zorn.
Gestern hatte sie ihn auf dem Handy angerufen und gesagt, sie müsse ihn dringend sprechen. Er hatte sie gefragt, welche Angelegenheit so eilig sei, doch damit war sie nicht herausgerückt. Sollte er das Treffen aufschieben? Schließlich hatte er sich dagegen entschieden. Gab es ein Problem, kümmerte man sich besser gleich darum, bevor etwas anbrannte.
»Ich möchte Ihnen für das danken, was Sie vorgestern getan haben«, begann er das Gespräch, um das Thema zu bestimmen. »Ihnen ist zu verdanken, dass ein sehr gefährlicher Täter ins Gefängnis kommt. Wäre er nicht gefasst worden, hätte er erneut eine Vergewaltigung begangen, daran habe ich keinen Zweifel.«
Sie rutschte unruhig auf dem Stuhl umher. Spielte die ganze Zeit über an ihrem Haar. Er hatte es schon bei ihrer ersten Begegnung im Krankenhaus beobachtet und vorgestern während der Gegenüberstellung. Es war den Umständen geschuldet gewesen, so hatte er gedacht, aber warum war sie jetzt so angespannt? Was machte ihr zu schaffen? Zu seiner großen Erleichterung hatte Nevos Anwalt sie nicht gefragt, ob es die erste Identifizierung sei, und sie hatte diesbezüglich nichts verlauten lassen. Dass es dazu kommen könnte, hatte ihm Sorgen gemacht, obwohl Jaron Regev ihn dahingehend beruhigt hatte. Er habe mit ihr gesprochen, alles würde seinen Gang gehen.
»Wissen Sie«, er setzte ein väterliches Lächeln auf, »ich habe eine Tochter in Ihrem Alter. Vielleicht ist sie ein wenig jünger. Sie wohnt in der Horkanusstraße, nicht weit von Ihnen. Kennen Sie die Straße?«
Sie nickte.
Gleich würde sie ihm eröffnen, was sie zu ihm führte. Bis dahin musste er sie besänftigen, weiter von seiner Tochter erzählen, damit sie ihn als Vater betrachtete und nicht ausschließlich als Polizist. Dabei fiel ihm wieder auf, wie anders seine Tochter Rawith war. Sie mochte jünger sein, war aber wesentlich reifer.
»Als Vater muss ich Ihnen sagen, dass ich seit vorgestern besser schlafen kann. Das habe ich Ihnen und Ihrem Vater zu …«, setzte er nach.
Sie unterbrach ihn: »Ich möchte meine Entscheidung bei der Identifizierung zurücknehmen.«
Er sah sie an. Wortlos. Das passierte ihm nicht zum ersten Mal. Zeugen waren wankelmütig. Sie lieferten eine Version und nahmen sie dann zurück oder änderten sie ab. Ein Teil von ihnen machte es absichtlich, um die Arbeit der Polizei ins Stocken zu bringen und sie im Dunkeln tappen zu lassen; ein anderer Teil war schlichtweg verwirrt, und dann gab es natürlich auch solche, die damit drohten, nicht auszusagen. Seine Aufgabe bestand darin, herauszufinden, woher ihr plötzlicher Sinneswandel rührte, ihnen gut zuzureden, ihre Zweifel zu zerstreuen und – falls erforderlich – die Schlussfolgerungen aus seinen Ermittlungen zu überdenken.
»Ich habe mich geirrt und jetzt möchte ich das korrigieren«, sagte Adi mit Nachdruck, als er nicht auf ihre Worte einging.
»Sind Sie davon überzeugt, dass Sie sich geirrt haben? Ist es nicht eher so, dass Sie jetzt im Irrtum sind?«, hakte er mit ruhiger Stimme nach. Gefühle durfte er bei dieser Sache nicht preisgeben, er musste sie zum Sprechen bringen und ihre Bedenken zerstreuen.
»Bitte hören Sie damit auf«, raunte sie ihm kühl zu.
»Aufhören womit?«, wollte er wissen – dabei wusste er genau, was sie meinte.
»Mich zu verwirren, mich zu beeinflussen, damit ich die Dinge sage, die Sie alle von mir hören wollen.«
Er erwiderte nichts. Es war besser, sie nicht zu unterbrechen; sollte sie bei ihm ihre ganze Wut abladen, alles loswerden, was sie sich auf dem
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