Todesspiel
knurrte John mich an. Er sah mit traurigem
Gesicht aus dem Fenster. »Wieso ist es so verdammt heiß hier? Ich dachte, Longstreet wär’ schon ein heißer Ort, aber …«
»Es liegt nicht an der Hitze, dass du so schwitzt«, begann ich mit ernster Stimme, aber LuEllen schaltete sich ein.
»Halt den Mund«, fauchte jetzt auch sie mich an.
Wir brauchten eine Weile für die Suche, fanden dann aber ein Telefonbuch in einem Shoppingcenter. Während LuEllen drei Zimtstangen kaufte, entdeckte ich den Namen Carp – eine Melissa Carp in Slidell, einer Stadt am anderen Ufer des Lake Pontchartrain. Die Telefonnummer stimmte mit der, die uns Rachel gegeben hatte, überein.
»So, jetzt haben wir eine klare Spur«, sagte John. »Und die nehmen wir sofort auf.« Auf dem Weg nach Slidell schaute er weiter aus dem Fenster, und hin und wieder murmelte er vor sich hin: »Das verdammte arme Kind …«
Wir fuhren über die I-10, keine landschaftlich besonders schöne Route, zu unserem Ziel. Die Carp-Behausung stellte sich als stationärer Wohnwagen in einem Wohnwagen-Park am Ostrand der Stadt heraus. Zur Straße hin war das Gelände mit einer kinnhohen Mauer abgegrenzt, über die man nur die Dächer der Wohnwagen und nach Weiden aussehende Bäume sehen konnte, deren Stämme und Äste mit Moos überzogen waren.
»Diese Wohnwagen-Parks sind problematisch«, sagte LuEllen, während wir vorbeifuhren. »Ich habe Bekannte, die an solchen Orten wohnen. Alles ist dicht zusammengedrängt, die Wege zwischen den Abstellplätzen sind eher schmale Gassen, man kommt nicht schnell rein oder raus, und alle Welt kann dich beobachten.«
»Sehr ermutigend«, kommentierte John.
»Und sie sind immer noch ziemlich stark nach Rassen getrennt«,
ergänzte LuEllen. »Jedenfalls war’s bei dem so, in dem ich mal gewesen bin. Wenn das da ein vornehmlich weißer Park ist, würdest du auffallen, John.«
»Umso besser.«
Wir fuhren schließlich bei Beginn der Abenddämmerung auf das Gelände, suchten nach der Adresse. Alle Straßen waren nach Bäumen benannt – nach Kirsch-, Kastanien-, Oliven-, Pfirsichbäumen und so weiter. Wie LuEllen gesagt hatte, waren die Straßen schmal und schnitten sich in seltsamen Winkeln. Einige waren sauber gehalten, andere nicht. Wir kamen an einem Paar vorbei, das sich auf einem kleinen Grill sein Abendbrot zubereitete, dann an einer Behausung, die zwei Stellplätze in Anspruch nahm und neben dem Wohnwagen über einen Pool mit Plastikwänden verfügte. Ab und zu waren auch Kinder zu sehen, darunter ein älterer Junge auf Rollerblades, der die Hände auf den Rücken gelegt und sich mit Kopfhörern von der real existierenden Welt abgekoppelt hatte. Ansonsten waren die Straßen fast leer, wahrscheinlich wegen der immer noch andauernden Hitze.
Immerhin, die Straßen waren ordentlich beschildert, und wir stießen im Südosten der Anlage auf die Quittenstraße, einen Rundweg entlang der Innenseite der Begrenzungsmauer. Die Carp-Behausung bestand aus einem Wohnwagen, der früher einmal – bis auf das weiße Dach – in lichtem Grün geglänzt hatte, das inzwischen jedoch von der Sonne ausgebleicht war. Die Vorhänge der Fenster waren zugezogen. An der Seite hatte man einen wackligen Carport angebaut, in dem ein eingestaubter Toyota Corolla abgestellt war. Hinter einem Fenster an der Rückseite war Licht zu erkennen, die Vorderseite war dunkel.
»Wie gehen wir vor?«, fragte LuEllen.
»Wir fahren noch ein paar Minuten rum, erkunden die
Straßen, dann bleibst du im Wagen, während John und ich uns den Burschen vorknöpfen«, schlug ich vor. »John und ich können doch glatt als Cops durchgehen, oder?«
»Ich frage mich, wer Melissa Carp ist. Mutter? Ehefrau? Exehefrau? Schwester?«
Wir machten die Orientierungsfahrt, dann setzte LuEllen uns rund dreißig Meter hinter der Carp-Behausung ab. In den meisten Wohnwagen ringsum brannte Licht, manchmal war auch nur das bläuliche Glimmen von Fernsehern zu erkennen. Irgendwo in der Nähe hörte sich jemand den alten Cream-Song »Strange Brew« an; ansonsten war nur das Brummen von Klimaanlagen zu hören.
»Wenn ich ein Cop wär’ und zu einem potenziellen Verbrecher unterwegs wäre, hätte ich ganz schön Schiss«, murmelte John, als wir über den Plattenweg auf die Tür des Wohnwagens zugingen. Ich klopfte an die wackelige Tür. Das permanente leise Geräusch im Inneren, das bislang zu hören gewesen war, brach jetzt abrupt ab. Vielleicht hat jemand auf einer
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