Treibland
Gesundheits-Augenscheinüberprüfung jeden Mittag oder abends bei der Versammlung im «Reeperbahn-Theater» beobachtete, dann konnte er nicht anders, als sie als homogene Gruppe wahrzunehmen. Die Gesundheitsprüfung machten Leute vom Tropeninstitut, Ärztinnen oder Ärzte, man konnte es wegen der Schutzanzüge auf den ersten Blick nicht erkennen. Es war immer wieder eine erschütternde Erfahrung, die alle Passagiere, die er dabei beobachtete, auf die gleiche Weise über sich ergehen ließen: gefasst, demonstrativ unbeteiligt, als hätten sie sich auf dieses Verhalten geeinigt. Fiebermessen, Licht in Augen, Ohren, Mund und Nase, bei Unklarheit weiteres Licht in weitere Körperöffnungen hinter weißgrauen Paravents wie bei Sicherheitskontrollen am Flughafen, und nie wusste er oder jemand von den anderen, ob wirklich das eintreten würde, was jeder erwartete, weil man sich nichts anderes vorstellen konnte als: So weit alles in Ordnung, auf Wiedersehen bis morgen. Er begriff, dass dies keine besonders teure, aber auch keine billige Kreuzfahrt gewesen war: eine, wo der Grundpreis vergleichsweise niedrig war, ab vier-, fünfhundert Euro pro Person in der Innenkabine, hundert oder zweihundert mehr in der Außenkabine. Und dann kamen all die Extras hinzu, die Getränke- und Wellnesspakete, die Landausflüge, die Trinkgelder, die täglich automatisch auf die Kreditkartenrechnung jeder Kabine gebucht wurden. Wenn er all die Hinweisschilder an Bord betrachtete, die einen herzlich einluden, dieses oder jenes nicht zu tun («Wir laden Sie herzlich ein, im Photoshop nicht zu fotografieren»), und die umständliche Uhrzeiten vorgaben, zu denen man sich darüber informieren konnte, wie und wo man sein Geld ausgeben konnte, dann kam es ihm vor, als hätte diese Kreuzfahrt Menschen angezogen, die nichts dagegen hatten oder es vielleicht sogar erwarteten, wie Kinder an einer vor allem von sich selbst überzeugten Schule behandelt zu werden: Die ganze Zeit wurde einem gesagt, alles geschehe zum Wohle und zum Besten aller, zugleich aber gab es eine unüberschaubare Anzahl komplizierter Regeln und Gebote, gegen die man eigentlich nur verstoßen konnte. Zumal dies ja wohl Urlaub gewesen war.
Wenn er sie als Gruppe sah, wirkten die Menschen an Bord gedrückt und leicht unattraktiv. Die schönen Frauen gehörten alle zum Personal. Die schönen Männer auch. Es schienen sich hier aus allen Altersgruppen ab etwa dreißig aufwärts jene versammelt zu haben, die in jedem anderen Zusammenhang die Unscheinbaren, die leicht Übergewichtigen, die Übergangenen waren. Manchmal öffnete sich Danowskis Herz für sie, manchmal schämte er sich, weil er immer wieder vergaß, dass er zu ihnen gehörte und als von Hause aus Unscheinbarer schon immer zu ihnen gehört hatte. Und dann hasste er sich für seine Überheblichkeit und seine Unfähigkeit, nicht einfach auch ein Teil dieser großen Gruppe der relativ Erniedrigten und tendenziell leicht Beleidigten zu sein.
Und dann, im Laufe der Tage und ohne dass er es merkte, spaltete sich die große Gruppe derer, zu denen er nicht gehören wollte, in mehrere Untergruppen auf, zu denen er nicht gehören konnte: die Alten, die Familien, die jungen Pärchen, die Freundescliquen. Vereinzelt waren hier nur die Besoffenen, so sehr, dass sie zu ihrer eigenen Gruppe wurden, zu der er wiederum nicht gehörte, weil er keine Alkoholquelle hatte und zu viel Angst vor Kontrollverlust. Die weißen Ratten, die er abends aus dem Augenwinkel über die Gänge huschen sah und mit denen er am ehesten Gemeinsamkeiten hatte, weil er sich versteckte, sooft er konnte, wenn auch weniger demonstrativ und theatralisch als sie. Jede Gruppe suchte sich ihren eigenen Ort: die weißen Ratten einen gestaltlosen in der Verborgenheit, die Alten zogen sich ins Kasino zurück, die Freundescliquen in den «Klabautermann», der daraufhin für Danowski zur Sperrzone wurde, weil es ihm hoffnungslos schien, Freunde zu finden, wo andere schon welche hatten. Die Familien mit kleineren Kindern machten sich in der Disco namens «Hamburger Berg» breit, weil da die Kinder auf der Tanzfläche spielen konnten. Die jungen Paare verschanzten sich im «Alster-Café», eigentlich nicht altersgemäß in seiner vergoldeten Gediegenheit; dann aber vielleicht gerade wieder doch, denn die jungen Paare, die ihre Kreuzfahrt zur Hochzeit geschenkt bekommen oder gewonnen oder hinterhergeworfen bekommen hatten, schienen ihm jung nur nach streng mathematischen und
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