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Unendlichkeit in ihrer Hand

Unendlichkeit in ihrer Hand

Titel: Unendlichkeit in ihrer Hand Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gioconda Belli
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ihm, um zu erkennen, dass die Erde, auf der sie wohnten, beim Ausschöpfen ihres Lebens Spuren hinterließ. Und damit nicht genug, die Zeit grub sich auch in die Körper ihrer Kinder ein. Eva zählte die Tage, indes sie ihnen beim Heranwachsen zusah.
    Und sie waren schon groß, obwohl es ihnen noch an Reife fehlte. Abel und Aklia waren noch neuer als Kain und Luluwa, aber der Unterschied war kaum wahrnehmbar. Die Zeit, die alle vier gebraucht hatten, um laufen und sprechen zu lernen und selbständig zu werden, war ihnen endlos erschienen, als sie mittendrin waren, aber inzwischen schaute Adam schon wehmütig darauf zurück. Es war alles andere als einfach gewesen, sie ins tägliche Leben einzuführen. Keines von ihnen hatte laufen gelernt, ohne zunächst auf allen vieren zu krabbeln. Bei ihren Versuchen, sich auf die Füße zu stellen, fielen sie hin und stießen sich. Sie schienen gar nicht darauf zu achten, wie das auf steinigem Gelände oder zwischen den Felsen ausgehen konnte. Eva und er hatten sie an der Hand führen müssen. Er erinnerte sich, wie ihnen von morgens bis abends der Rücken geschmerzt hatte, als sie sie vornübergebeugt bei ihren ersten Gehversuchen gehalten hatten. Sie konnten die Kinder nicht aus den Augen lassen.
    Was ihnen an Geschicklichkeit fehlte, das hatten sie an Neugier zu viel. Sie waren wie ihre Mutter. Sie wollten alles anfassen, aber sie wussten nicht, dass Feuer brannte und dass man sich leicht weh tun konnte. Eva sagte, das sei so, weil ihnen das Wissen von Gut und Böse fehlte. Um diese Lücke zu füllen, gab sie ihnen Feigen zu essen, doch zeigten die keine besondere Wirkung.
    Adam konnte sich keinen Reim darauf machen, weshalb sie so unwissend waren. So wie er und Eva einige Züge mit den Tieren gemein hatten, überlegte er, waren ihre Kinder jenen vielleicht noch ähnlicher. Allerdings beschmutzte die Katze nie die Höhle mit ihrem Unrat, während die Kinder, wo sie gerade waren, ihre Bäche laufen und ihre Haufen liegen ließen. Erst nach einem harten Kampf begriffen sie endlich, dass sie dazu hinausgehen und ihren Unrat mit Erde zudecken mussten.
    Kaum waren sie morgens munter, da fingen sie schon an zu sprechen. Anfangs waren sie nur mit Mühe zu verstehen. Aklia und Luluwa konnten eher als ihre Brüder sagen, was sie wollten. Das war eine Zeit voller Gelächter für Eva und ihn gewesen. Sie lachten sich halbtot, als sie die Kinder Wasser, Katze, Brust sagen hörten. Aber später, als alle vier von Worten nur so übersprudelten, da stellten sie fest, wie unterschiedlich sie waren. Sie merkten, dass sie ihnen beibringen konnten, zu überleben, aber zähmen ließen sie sich nicht.
    Evas Furcht vor dem Winter und davor, dass ihre Milch nicht mehr ausreichen könnte, um sie zu ernähren, spornte sie an, ihre Intuition für die Erde und deren Früchte in ein verlässliches Wissen über die Pflanzen zu verwandeln. Um die Höhle herum wuchsen jetzt Mandelbäume, Birnbäume, Weinstöcke, Weizen, Gerste und essbare Wurzeln. Kain und Luluwa hatten die Fertigkeit der Mutter geerbt, essbare Früchte und Kräuter zu erkennen. Sie waren es, die den Gemüsegarten pflegten, während Abel, der sich von klein auf mit Tieren auskannte, Ziegen hielt, die ihnen Milch gaben, und Schafe, deren Haar Aklia auf eine Weise verwebte, dass sie sich damit bedecken konnten, ohne für Kleidung töten zu müssen.
     
    Eva sehnte sich nicht nach den Kleinkindertagen der Zwillinge zurück. Sie bedauerte nicht, wie Adam, dass sie so schnell herangewachsen waren. Er sagte, es käme ihm vor, als habe er sie soeben noch zögerlich die ersten Stehversuche machen und dann schwanken sehen, bis sie wieder auf dem Hintern saßen und halb belustigt, halb verwirrt dreinschauten. Eva hütete diese Bilder zärtlich in ihrem Herzen, aber sie zog die Kinder so vor, wie sie jetzt waren, selbständig. Sie hatte noch nicht ihre tiefe Erschöpfung vergessen, als die Kinder ihnen keine Ruhepause ließen, immer an ihnen hingen, als gehörten ihre Körper ihnen.
    Allmählich hatten sie gelernt, die Erde zu bestellen und sich Kleidung und Nahrung zu beschaffen, so dass Adam nicht mehr allmorgendlich ausziehen musste und sie mit der nicht zu bewältigenden Aufgabe zurückließ, die vier winzigen, hilflosen Wesen zu hüten. Sie führten das Leben einer Herde und bewegten sich mit den Kindern auf dem Rücken oder auf der Hüfte von hier nach dort. In den ersten Wintern mussten sie sich in die Höhle zurückziehen und viele Tage und

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