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Volk der Verbannten

Titel: Volk der Verbannten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Ange Guéro
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versagen, und er durfte auch nicht ohnmächtig werden. Aber die Botschaft musste durchdringen, nachdrücklich genug, damit er nicht später unter dem Einfluss seines Gefolges nachgab, das ihm einzureden versuchen würde, dass es sich nur um einen Albtraum gehandelt hatte.
    »Erinnert Euch an Salmyra!«, sagte sie unvermittelt; ihr heftiger Tonfall ließ den Jungen in seiner golddurchwirkten Bettwäsche zusammenzucken. »Die Rune des Abgrunds funkelt über Kiranya!«
    Die Demeana betrachtete wieder die Kerze. Dann trat sie einen Schritt zurück und musterte das Kind. Lange Zeit.
    Dann verschwand sie in der Dunkelheit.
    Der kleine König rührte sich nicht. Es gelang ihm nicht, sein Schaudern zu unterdrücken und die Gewalt über seinen Körper und seinen Magen zurückzugewinnen.
Er wagte es nicht, sich zu bewegen oder auch nur zu atmen, weil er solche Angst hatte, dass die Tochter des Gottes, dessen Namen man nicht nannte, plötzlich wieder erscheinen und die Flamme ausblasen würde - diesmal für immer. Viel Zeit verging, eine Stunde, vielleicht zwei; dann endlich konnte er den Kopf bewegen.
    Und als er ganz sicher war, allein im Zimmer zu sein, beugte er sich über die Bettkante und übergab sich.

KAPITEL 9
    Der Assistent des Ratsherrn Myrnes hastete den Korridor der Archive des Ratsgebäudes von Reynes entlang; er hielt Briefe von der Westfront an die Brust gepresst. Darunter waren Schriftrollen aus Kiranya, in denen der kleine König seine Truppen auflistete und den Fürstentümern mitteilte, dass er mehr Männer als ursprünglich geplant schicken würde.
    Ansonsten gab es nur schlechte Neuigkeiten. In weniger als zwei Monaten war der größte Teil des Emirats von den Sakâs erobert worden. Scharen von Flüchtlingen strömten von dort in den Süden, nach Harabec und in die Freien Städte. Faez war binnen dreier Tage gefallen, und nach der Eroberung der Stadt waren die umliegenden Ortschaften eine nach der anderen verwüstet worden.
    Jeden Tag wurden ganze Karrenladungen von Toten und Verwundeten der Armee von Reynes von der Westgrenze der Fürstentümer hergebracht: Leichen, die nicht von den Familien beansprucht wurden, wurden in Massengräber geworfen, während die Verwundeten in Tempel und öffentliche Gebäude gebracht wurden, die man zu behelfsmäßigen Lazaretten umgebaut hatte. Der Emir
war irgendwo auf der Flucht oder tot; selbst die am besten unterrichteten Ratsherren und ihre zuverlässigen Netzwerke von Spionen wussten nicht, was aus ihm geworden war.
    Tote, Verwundete, eine gestürzte Dynastie.
    Wenn es nur das gewesen wäre!
    Aber wie Ratsherr Yva Peraeiros am Vorabend in der Ratsversammlung gesagt hatte, war das nicht das Problem.
    Wenn es nur eine Invasion gewesen wäre! Ein Krieg wie so viele andere. Kiranya gegen das Emirat, das Emirat gegen Harabec, Harabec gegen Sleys, Sleys gegen die Fürstentümer von Reynes, die Fürstentümer gegen Kiranya … Ein Machtkampf, wie es schon so viele im Zuge der letzten drei Jahrtausende gegeben hatte, eine Auseinandersetzung zwischen zivilisierten Völkern. Man kämpfte, man siegte, man plünderte und vergewaltigte ein bisschen, damit die Soldaten einem die verspäteten Soldzahlungen verziehen, man schnitt ein paar hundert gegnerischen Gefangenen die Kehle durch, um den Feind wissen zu lassen, dass er es ja nicht so bald wieder versuchen sollte, und sobald die gefangenen Offiziere gegen Lösegeld ihren Familien übergeben worden waren, ging das Leben in den eroberten Gebieten wie vorher weiter. Man musste schließlich die Bauern das Land bestellen, die Krämer feilschen und die Kaufleute ihre fernen Kunden beruhigen lassen, denn wovon hätte man sonst im Winter leben sollen?
    Die Sakâs hielten sich nicht an die Regeln.
    Die Sakâs waren keine zivilisierten Krieger.
    Es waren widersprüchliche Gerüchte in Umlauf, aber alle waren gleich fürchterlich. Die Sakâs steckten auf
ihrem Weg alles in Brand, Städte, Dörfer, Ernten. Sie trieben die Bevölkerung zusammen und verbrannten sie auf Scheiterhaufen, um sie den Kreaturen des Chaos zu opfern, die mit ihnen zogen, oder sie ließen Frauen und Kinder auf abscheulichen Altären ausbluten, um ihr Blut dem Gott, dessen Namen man nicht nannte, zu weihen. Es hieß, dass sie bei der Eroberung von Faez jeden, der nicht geflohen war, im See ertränkt hatten und dass der Fluss drei Wochen lang nur Leichen geführt hatte. Man erzählte sich viel, aber eines war sicher: Dort, wo die Pferde der Sakâs ihre Hufe hingesetzt

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