Zärtlicher Sturm
übernächsten Blatt würde er das Hypothekengeld angreifen müssen, und seine Frau würde ihn umbringen. Ihnen gehörte die einzige Waffenhandlung in der ganzen Stadt, doch es war keine große Stadt, die Geschäfte waren noch nie gut gelaufen. Mit der Zeit hatten sie sich immer tiefer bei der Bank verschuldet, und es sah nicht danach aus, als würden sie je aus dieser Verschuldung herauskommen. Und hier saß er jetzt und spielte. Würde er denn niemals etwas dazulernen? Konnte sich Leon denn endlich zufriedengeben und aufhören?
Henry hatte gesehen, daß Lucas Holt den Saloon betreten hatte. Es sprach vielleicht nicht für ihn, aber Henry hatte sich von Männern von Holts Kaliber immer einschüchtern lassen. Die ganz Stillen waren noch schlimmer als Aufschneider wie Leon. Er kannte Lucas nicht persönlich und wollte ihn auch nicht kennenlernen. Ihm reichte es schon, daß er einmal Munition an seinen Bruder verkauft und eimerweise geschwitzt hatte, ehe dieser Mann seinen Laden wieder verlassen hatte. Das war die Sorte Mann, der man am besten aus dem Weg ging. Wer konnte sagen, daß Lucas nicht genauso war? Freundlich wirkte er jedenfalls mit Sicherheit nicht.
Henry kam auf einen Gedanken. Ihm war alles recht, um dieses Spiel zu beenden, ohne den Eindruck zu erwecken, daß er einfach aussteigen wollte.
»Hören Sie mal, Leon«, setzte Henry an, und er räusperte sich nervös. »Mr. Holt zeigt gewaltiges Interesse an Ihnen, seit er den Saloon betreten hat.«
»Welcher Holt?« Leon wirbelte herum und sah Lucas in die Augen. Dann wandte er sich mit einem hörbaren Seufzer der Erleichterung wieder um. »Ach der.« Ohne allzu große Begeisterung rechte er das Geld zusammen.
Henry blieb beharrlich. »Ich frage mich, warum er Sie ununterbrochen anstarrt.«
»Vielleicht bewundert er den Sitz meiner Kleidung«, knurrte Leon. »Halten Sie den Mund, und geben Sie die Karten aus.«
Es hatte nicht geklappt. Henry schluckte schwer. Er konnte einfach nicht weiterspielen. Er mußte Leons Zorn riskieren und aussteigen. Lieber gleich als später, wenn er völlig pleite war.
»Sie haben mich geschröpft, Leon«, sagte er. Er erhob sich und hoffte das Beste. »Ich muß mich jetzt verabschieden.«
Ehe Leon ihn auffordern konnte, tiefer in die Tasche zu greifen, standen die beiden anderen Männer eilig auf und fielen in dieselbe Ausrede ein.
Leon war erbost, doch er ließ sie gehen, und die drei Männer hatten es eilig, den Saloon zu verlassen. Leon Waggoner verschwendete keinen weiteren Gedanken an sie, denn er hatte vor, über Nacht in Sams Privatgemächern zu bleiben. Vielleicht konnte er sogar eins von Rosas Mädchen dazu bringen, bei ihm zu bleiben.
Als er aufstand, starrte Lucas Holt ihn immer noch an. Leon trat beiläufig an seinen Tisch, stellte einen Stiefel auf einen freien Stuhl neben Lucas und beugte sich vor.
»Ich habe gehört, daß Sie heiraten, Holt. Man hört, daß sie wirklich eine Wucht ist.«
»So?«
Leon kicherte anzüglich. »Sie kommen sonst am Abend nicht in die Stadt. Was ist passiert? Haben Sie sich mit Ihrer Verlobten gezankt?«
Lucas stellte die halbleere Flasche ab. »Mir paßt es nicht, daß Sie über meine zukünftige Frau reden, Leon«, erwiderte Lucas mit einer leisen, bedrohlichen Stimme.
»Zum Teufel, es reden doch alle über sie«, sagte Leon unbeirrt. »Sieht sie wirklich so gut aus, wie man sagt?«
»Vielleicht haben Sie mich nicht richtig verstanden.«
»O doch, aber ich schere mich keinen Furz darum, was Ihnen paßt. Vielleicht ist Ihr Bruder ein guter Schütze, aber das heißt noch lange nicht, daß Sie schießen können.«
»Legen Sie Ihre Waffen ab, und ich zeige Ihnen, daß über meine Frau nicht geredet wird.«
»Ach, Sie sind auf eine Schlägerei aus? Da sind Sie an den Richtigen geraten.«
Während beide ihre Waffen ablegten, schlug Leon Lucas den Halfter samt Pistole ins Gesicht, und Lucas taumelte ein paar Schritte zurück. Sein Ohr war blutverschmiert, und in seinen Augen stand glühender Zorn, als er knurrend auf Leon losging und beide auf den Fußboden des Saloons knallten.
Etliche Stunden später pfiff Lucas fröhlich vor sich hin, während er sein Pferd am Zügel nach Hause führte. Sein Kiefer schmerzte, seine Knöchel waren geschwollen, und sein Brustkasten tat tierisch weh, aber es war die Sache wert gewesen. Jetzt konnte er vielleicht doch einschlafen, ohne an sie zu denken.
10
Lucas war erstaunt, als ein Frühstück für ihn bereitstand, doch Sharisses
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