Alle Rache Will Ewigkeit
der Hüfte. »Aua! Ich hab doch nur Spaß gemacht.«
»Ich weiß. Aber manche Scherze sind inakzeptabel. Na los, du gibst die coolsten Reiseführer der Welt heraus. Da muss dir doch was einfallen.«
Jay lehnte sich auf den Kissen zurück. »Ich dachte, wir könnten am Wochenende nach Barcelona fliegen. Ein schönes Boutique-Hotel gleich um die Ecke von den Ramblas, irgendwo wunderbar essen … Was meinst du dazu?«
»An diesem Wochenende?«
»Das hatte ich vor. Ist das ein Problem?«
»Ich habe am Sonntag Dienst«, sagte Magda. »Und am Sonnabend wollte ich nach Oxford fahren und meine Eltern besuchen. Ich muss ihnen von uns erzählen.«
»Ich dachte, deine Mutter weiß es schon? Du sagtest, sie hätte dich nach mir ausgefragt, als du letzten Monat zu Hause warst.«
»Sie weiß es, weil sie es erraten hat. Ich habe es ihr nicht ausdrücklich gesagt. Und Dad merkt gar nichts. Das wird ein Alptraum mit ihm!« Magda rückte etwas von Jay ab und starrte an die Decke. »Ich höre jetzt schon seine katholisch-fundamentalistische Schimpftirade. Ehrlich, gegen ihn nimmt sich seine Heiligkeit Benny XVI . fortschrittlich aus.«
»Würde es helfen, wenn ich mitkäme?« Jay strich Magda übers Haar.
Magda stieß ein gekünsteltes Lachen aus. »Nicht in irgendeinem Sinn des Wortes ›helfen‹, den ich kenne. Hast du vergessen, wie meine Mutter dir das Haus verboten hat, als sie vor vielen Jahren entdeckte, dass du lesbisch bist? Nein, ich muss einfach die Zähne zusammenbeißen und es hinter mich bringen. Hoffentlich sind die Folgen nicht allzu grausam. Zum Glück kommt Wheelie mit, da hab ich jemanden auf meiner Seite.«
»Arme Maggot«, sagte Jay. »Vielleicht sollte ich vor dem Haus im Wagen warten, für den Fall dass du rausgeworfen wirst wie ein viktorianisches gefallenes Mädchen.«
»Das ist nicht ausgeschlossen.« Magda stützte sich auf den Ellbogen auf. »Genug davon. Wir wollten doch feiern. Ist was zu essen im Haus, oder müssen wir etwas bestellen? Ich habe einen Riesenhunger.«
»Das kommt von der Liebe. Sie macht uns Frauen hungrig. Wie wär’s mit Pizza?«
Magda grinste. »Perfekt. Wir können sie im Bett essen. Dann sind wir danach gleich wieder da.«
»Stimmt. Wir müssen die nächsten Tage ausnutzen, bevor du mich verlässt und nach Oxford fährst.«
Magda zog eine Augenbraue hoch. »Vielleicht solltest du doch draußen im Wagen warten.«
11
C harlie hatte nicht vorgehabt, St. Scholastika einen Besuch abzustatten, aber auf dem Weg von der Pension, in der sie sich eingemietet hatte, zum Haus der Newsams kam sie an den Toren des Colleges vorbei. Und ihren alten Lieblingsplätzen konnte sie nicht widerstehen. Sie wusste, dass manche Leute nie die Nabelschnur zu ihrem College in Oxford durchtrennten und unter allen möglichen Vorwänden dort einfielen – ein Vortrag, ein festliches Essen, ein Jubiläum –, aber zu diesen Menschen hatte sie nie gehört. Größtenteils hatte sie die Zeit am St. Scholastika College genossen, aber schließlich war sie bereit gewesen für die weniger behütete Welt außerhalb. Nur ein einziges Mal war sie wieder da gewesen anlässlich der Zehnjahresfeier ihres Examens, einer Veranstaltung, die sie unsäglich deprimierend fand.
Es war merkwürdig gewesen, ins College zurückzukommen. Fast schizophren. Charlie hatte sich gefühlt wie die Person, die sie jetzt war, eine erfolgreiche Frau mit einem guten Beruf, deren Meinung von ihren Kollegen geschätzt und respektiert wurde, eine Frau, die den Übergang von der Verliebtheit zur Liebe erlebt hatte, jemand, der sich in seiner Haut wohl fühlte; und zugleich war sie sich vorgekommen wie dieses unbeholfene Wesen an der Schwelle zwischen Pubertät und Erwachsensein, das seine Unsicherheit hinter Arroganz verbarg und verzweifelt die Umrisse seiner Zukunft zu erraten versuchte. Es war eine verwirrende Erfahrung gewesen, Leuten zu begegnen, die sie nur als die frühere Person kannten, nicht als das, was aus ihr geworden war. Am Ende des Abends hatte sie sich gefühlt wie eine Gestaltwandlerin und war froh, dem spartanischen College-Zimmer mit dem strengen Einzelbett entkommen zu sein. Sie wünschte sich nicht, dieses Erlebnis zu wiederholen.
Deshalb hatte ein Besuch ihrer alten Lieblingsplätze nicht auf ihrem Terminplan gestanden. Während der dreistündigen Fahrt von Manchester nach Oxford hatte sie fast die ganze Zeit hin und her gewechselt zwischen Phantasiebildern, in denen Lisa Kent und wenig Schlaf eine Rolle
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