Auf ewig und einen Tag - Roman
sondern geschenkt. Ich weiß nicht, warum Justin dir erzählt hat, ich hätte es genommen, vielleicht war es ihm peinlich. Aber tatsächlich hat er mir das Geld gegeben, weil er wusste, dass du zu stolz wärst, um es anzunehmen. Wir haben Pläne gemacht, Justin und ich, für unsere Zukunft, für die Zukunft von uns allen.«
Ihre Stimme stockte, und sie blinzelte schnell, bevor sie fortfuhr: »Wir dachten, wir könnten vielleicht eine Frühstückspension aufmachen, das wäre vielleicht genau das Richtige für uns. Du hast doch immer davon gesprochen, wir sollten einen Laden aufmachen, aber eine Pension wäre unter Umständen wirklich
vernünftiger. Wir würden Leute aus dem ganzen Land, sogar aus der ganzen Welt kennenlernen.«
Ich sah zu dem kleinen runden Fenster über unserer Tür hinauf und spürte, wie der Atem durch mich hindurchfuhr, durch die Erde, durch meine Beine und meine Brust hinauf, als wäre ich ein hohles Rohr mit festen, widerhallenden Wänden. Ich glaubte ihr nicht. Ich glaubte ihr kein Wort, aber in dem Moment war es mir egal. »Du würdest Staub wischen und Betten überziehen, und ich würde lernen, fünf verschiedene Arten von French Toast zuzubereiten.«
Sie sah mich an. »Ich werde mich nicht mehr mit Ryan Maclean treffen, das werde ich ihm sagen. Ich finde, er dreht langsam total durch, will jede Minute bei mir sein, und ich hab’s satt. Er weiß nicht mal, wer ich wirklich bin.« Ihre Stimme brach ab, und sie klammerte sich an der Stufe fest.
Ohne nachzudenken, griff ich nach Eves Hand. Sie zuckte zusammen, doch dann flochten sich langsam unsere Finger ineinander. Immer fester drückte sie meine Hand und klammerte sich an mich, als könnte ich sie retten. Und meine Finger fingen an zu kribbeln und wurden taub, aber ich ließ nicht los.
24
Die Fahrt mit der Fähre auf dem Weg nach Boston ist in meiner Erinnerung das letzte Mal, dass ich mich wirklich glücklich fühlte. Es war die Woche, bevor sich alles zum Schlechten wendete.
Der schöne Nachmittag mit seinem klaren Himmel animierte Touristen zu Tagesausflügen, und die Sonne stand so hoch, wie sie in Neuengland nur stehen kann. Während die Fähre Geschwindigkeit aufnahm, beobachtete ich einen kleinen Jungen, der die Mole entlanglief. Dabei winkte er wie wild, keuchte mit bebender Brust, und sein Gesicht war so angespannt vor Entschlossenheit, als glaubte er, uns einholen zu können, wenn er nur schnell genug rannte. Als er das Ende der Mole erreichte, blieb er stehen, holte Luft, drehte sich um und raste mit der gleichen Inbrunst zum Strand zurück.
Während ich ihm vom Deck aus nachsah, glaubte ich zu wissen, wie er sich fühlte: Fast alles war möglich, wenn man nur schnell genug rannte. Die Schule war gerade zu Ende gegangen - das schlimmste Jahr meines Lebens in vieler Hinsicht -, und der Sommer breitete sich vor mir aus wie ein köstliches Versprechen. Wir beide hatten neue Jobs gefunden, Eve in einer Galerie auf der Water Street und ich als Hilfskraft in der Stadtbibliothek, aber trotz dieser Verpflichtungen sah ich uns drei ganz ungebunden durch diesen herrlichen Sommer segeln, mit klarer Sicht nach allen Seiten, kaum schwankend im leichten Seegang.
Die Fahrt nach Point Judith dauerte knapp eine Stunde, aber
in dieser einen Stunde schafften wir es, so viel Junkfood in uns hineinzustopfen, dass uns schlecht wurde. Eve freundete sich mit dem Typen hinter dem Tresen der Snackbar an, und ich beobachtete, wie er jedes Mal rot wurde, wenn sie etwas bestellte. Ich bekam mit, wie Eve flirtete, und verspürte dabei eine wahnsinnige Freude. So sollte das Leben sein. Ryan Maclean existierte hier nicht, oder zumindest nur auf einer Liste von vierhundert Kongressabgeordneten. Das war die Eve, die ich mein Leben lang gekannt hatte, ein Mädchen, das nur vorgab, welterfahren zu sein.
Nachdem wir Point Judith erreicht hatten, machten wir uns auf den langen Weg nach Norden. Ich saß auf dem Beifahrersitz von Justins Ford, Eve auf dem Rücksitz, und sie beugte sich zum Reden nach vorn und stützte dabei die Ellbogen auf unseren Lehnen auf. »Das ist es!«, rief sie aus, als die Skyline von Boston, all die Betonmonster mit ihren glänzenden, lidlosen Augen in Sicht kamen. »Eines Tages werde ich hier wohnen, in Museen gehen, in französischen Restaurants essen und eine Kaffee-Bar aufmachen. Ganz sicher.«
Wir fuhren am Hafen vorbei, an den mit Rost überzogenen Schiffen, die zehnmal größer waren als alles auf der Insel, an dem schwarzen,
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