Back to Blood
er auf irgendwelche Typen in einer Videospielhalle machte, die er sicher nie wiedersehen würde? … oder auf das Mädchen an der Kasse bei Starbucks? … oder auf zwei junge schwarze Burschen, die ihm gestern auf der Straße entgegengekommen waren und ihn nicht mal bemerkt hatten? Versuchte er den harten Burschen zu mimen, damit sie erst gar nicht auf die Idee kamen, ihn anzumachen? Sein halbes Leben fragte man sich, was man für einen Eindruck auf diesen oder jenen vollkommen Fremden machte …
Im zweiten Stock wurden Nestor und der Sergeant von der entzückenden Cat durch einen langen, schmalen, zu düsteren Flur geführt, den kleine Büros mit offenen Türen säumten … in denen die Hamster im Laufrad der Bürokratie ihre Arbeit verrichteten und die sie fast alle als die beiden Rassisten aus dem YouTube-Video wiedererkannten … Jeden Blick empfand er als Anklage … Un negro schaute in seine Richtung, nichts weiter, er schaute nur in seine Richtung. Nestor war peinlich berührt, er fühlte sich zu Unrecht verurteilt. Er wollte stehen bleiben und es erklären … es war ganz anders! — zumindest in meinem Fall! … Sie kamen zu einem Eckbüro, und er fragte sich, ob die umwerfende Cat — Männer sind furchtbar! Selbst wenn etwas schwer auf ihm lastete, etwas, das ihm Angst machte, war sie für Nestor die entzückende, umwerfende Cat — also, er fragte sich, ob sie später vielleicht mit ihm auf einen Kaffee gehen würde? Die unvergleichliche Cat bedeutete ihnen, kurz zu warten, und ging ins Büro. Sie hörten, wie sie sagte, »Chief, Sergeant Hernandez und Officer Camacho sind da.« Dann kam die Wundervolle, die Unwiderstehliche wieder, lächelte sie an, zeigte ins Büro und ging einfach davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Plopp. Das Hirngespinst zerplatzte.
Der Gesichtsausdruck des Chiefs verunsicherte Nestor. Er saß an seinem Schreibtisch und hob kaum den Kopf, als Nestor und der Sergeant das Büro betraten. Jetzt hob er den Kopf und zeigte mit dem Zeigefinger wie mit einem Revolver auf zwei Stühle mit gerader Rückenlehne, die nebeneinander vor seinem Schreibtisch standen.
»Nehmen Sie Platz«, sagte er in nicht gerade gastfreundlichem Tonfall.
Stühle mit gerader Rückenlehne … ein Eckbüro mit großen Fenstern und einem Blick auf … eigentlich gar nichts. Es war viel kleiner und weniger imposant, als Nestor sich vorgestellt hatte.
Der Chief lehnte sich in seinem großen Drehstuhl zurück und schaute sie einen Augenblick einfach nur regungslos an, ein Augenblick, der sich dehnte und d e h n t e … Nestor wurde sich schmerzhaft bewusst, wie groß der Mann … und wie dunkel sein Gesicht war … das, plus die dunkle marineblaue Uniform des Chiefs, machte Nestor hyperschmerzhaft das Weiß in seinen Augen bewusst. Er sah so gewaltig aus, als gehörte er zu einer völlig anderen Gattung des Homo sapiens . Ein Polizistenhimmel aus goldenen Sternen, vier auf jeder Seite seines Kragens, gab dem mächtigen Hals des Chiefs offiziellen Charakter.
Schließlich sprach der Chief. »Haben Sie beide auch nur die geringste Ahnung, was Ihre kleine YouTube-Vorstellung in den letzten sechs Stunden angerichtet hat?«
Er hatte das »angerichtet hat« noch nicht zu Ende gesprochen, da fiel ihm der Sergeant schon ins Wort. »Es tut mir leid, Chief, aber das war keine ›kleine Vorstellung,‹« sagte er mit funkelnden Augen. »Ich habe meine dienstliche Pflicht erfüllt! Und irgendein … Mistkerl … versucht mich jetzt reinzureiten … indem er eine … gefälschte Version dieses äh äh äh illegalen Videos auf YouTube stellt!«
Nestor war fassungslos. ::::::Um Himmels willen, Sarge, Sie sind verrückt! Das ist Insubordination hoch drei!::::::
Auch der Chief war fassungslos. Was für eine Unverfrorenheit! Er beugte sich über den Tisch und brüllte dem Sergeant mitten ins Gesicht, »Sie behaupten also, dass das eine Fäschung ist? Dass Sie das gar nicht sind? Dass Ihnen irgendwer diese Worte in den Mund gelegt hat? Dass irgendein Arschloch sie reinreiten will? Und dass der irgendwie ihre Stimme fälschen kann, die dann diesen gottverdammten Ku-Klux-Klan-Dreck daherschwadroniert? Wer ist dieser teuflische Mistkerl, Sergeant? Das würde ich gern wissen!«
»Also, das war so, Chief. Was ich da sage, das sage ich gar nicht. Das in diesem YouTube-Dings ist nicht das, was ich gesagt habe … Verstehen Sie? Ich sage, der Mistkerl hat aufgenommen, was ich sage, aber er sagt nicht, dass er rausgeschnitten hat,
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