Bismarck 01
v. Brintz, deren Bruder Graf Buol in Wien Ministeraussichten hatte, war jeden Abend Jourfix, ein Stelldichein aller Diplomaten, wenn sie gerade nichts Besseres zu ihrem Privatvergnügen zu tun hatten. Freie Zeit hatten sie ja im Überfluß, und waren ja auch nicht hier, um zu arbeiten, sondern in Muße ihre Ordenssterne spazieren zu führen. Verschiedene deutsche Bundestagsvertreterbegrüßten den neuen Legationssekretär mit gnädiger Herablassung, der französische Gesandte mit höflicher Verbindlichkeit. Das war ein Herr mit grauem Haar, ein »soignierter« Fünfziger, Marquis de Tallanay. Denn die jetzt schon dreijährige französische Republik ließ es sich nicht nehmen, dem feudalen Deutschland einen Gentilhomme mit Kreuzzugsahnen als Visitenkarte zu überreichen. In einer Ecke machte ein lebhafter junger Kavalier, der aus dem Globus von Ungarn stammte, der Gräfin Thun den Hof. Er trug den historischen Namen Graf Szecheny, hatte aber nichts gemein mit dem »großen Ungarn« dieses Namens. Ein Szecheny als schwarz-gelber Salonbummler vom Wiener Ballplatz, auch ein Zeichen, wie rasch die Hochgefühle sich abnutzen. Ein paar Jahre, und die Tragödie von Ungarn ist vergessen, der madjarische Adel fraternisiert mit dem zisleithanischen, die blaublütige Internationale ist geradeso farbenecht wie die rote und die goldene.
Die Gräfin Thun war übrigens, wenn man sie bei Kerzenlicht im Glanz ihrer Toilette besah, eine noch junge, sehr schöne Dame, die über viele platonische Kurmacher gebot. »Elle est ravissante. C'est épatant, n'est-ce-pas, Monsieur le Conseiller Intime?« leitete der Marquis ein Gespräch mit dem jungen Debutanten ein. Sein altes Aristokratenherz hatte sich einigermaßen dafür erwärmt, daß der »Baron« hier mit dem unaussprechlichen Namen ein Demagogenfresser sei, wie ihm Exzellenz v. Rochow berichtete. Die blaue Internationale hält auf diesem Punkt eine geheime Freimaurerverbindung unter sich. Er ließ sich daher, sobald ihm seine Tänzerpflichten eine Pause ließen, denen er mit Begeisterung oblag, in ein Gespräch über die französischen Radikalen ein, denen der Herr Botschafter von Frankreich nicht sehr gewogen sein konnte. Mit geheimnisvoller Verehrung munkelte er von Seiner Exzellenz dem Präsidenten der Republik, dem berüchtigten Abenteurer Louis Bonaparte, und brauchte manchmal, wie aus Vergeßlichkeit, die verbotene Bezeichnung »der Prinz«. Aber natürlich seien sie ja alle treue Republikaner, auf die Verfassung eingeschworen, obschon sich nicht ganz leugnen lasse, daß die republikanische Staatsform nicht ganz ... hm, nicht ganz dem französischen Wesen konform sei. Das möge der Herr Geheimrat nur mal einfließen lassen, wenn er Vortrag bei seinem erhabenen Monarchen halte. Das plauderte der nette, freundliche Franzose unbefangen und ungezwungen hin, betonte dabei auch gelegentlich, wie streng diszipliniert und gut im Stande die französische Armee sei, in den Algier-Kriegen geprüft und kriegsgewohnt geworden. Welche Offiziere! Zum Beispiel ein Freund von ihm, General Canrobert, auch andere, wie Pelissier, St. Arnaud, Mac Mahon, seien große Lichter, denen ein Auftauchen aus der Verborgenheit zu wünschen sei, und zwar mit Eklat.
»Avis au lecteur! dachte Otto. Nous l'avons eu, votreRhien Allemand. Ging doch wieder das Lied in Deutschland um: sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein. Bei diesen und vielen folgenden leichten Gesprächen, natürlich immer andeutungsweise, wurde nicht ganz klar, ob der Franzose eine verhüllte Drohung oder vielmehr eine Anbiederung bezwecke, die Bündnisfähigkeit in militärischem Sinne betonen wolle. Der Marquis aber dachte, als er sich wieder in den Tanzstrudel stürzte, und behielt auch in späterer Zeit solche Meinung: dieser Geheimrat sieht mir aus, als ob er wohl was Geheimes mit sich herumtragen könnte. Er hat ein forschendes Auge, ein seltsam ernstes Gesicht, wenn er sich unbeobachtet glaubt, auch spricht er auffallend geläufig Französisch, also ein wahrhaft gebildeter Mann. (Ähnlich äußerte sich Lord Cowley über das Englische Ottos, denn bei Franzosen und Briten fängt die hohe Bildung damit an und schließt auch damit, daß man ihre Sprache beherrscht, während sie selbst kaum ein Wörtchen Deutsch radebrechen.) Es könnte einem unheimlich werden, ob er auch so ein deutscher Ochse ist wie seine Kollegen. Aber zu guter Letzt bleibt er doch eben ein Deutscher, und die sind zum Diplomaten verdorben. Wir werden
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