Caroline
Du gibst ihm ein Foto und behauptest: ›Das ist deine Tochter.‹ Also wirklich!«
»Konntest du diese Helga ausfindig machen?«
»Nein. Im Heim arbeitet zurzeit keine Helga, aber sie haben angeboten zu überprüfen, ob früher jemand mit diesem Namen dort beschäftigt war. Ich soll zurückrufen. Könntest du dir vorstellen, dass Caroline sich vielleicht als Helga ausgegeben hat?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, Bertus sagte, es wäre jemand aus dem Heim gewesen.«
Nel verringerte die Geschwindigkeit, wies mit einem Nicken auf einen erleuchteten Erker und parkte unter den Bäumen, mit zwei Rädern auf dem Bürgersteig. »Erst Asveld, der Mann will auch irgendwann mal ins Bett.«
»Kann ich ihm nachfühlen.«
»Ich habe ein Zimmer im Brinkhotel reserviert und den Schlüssel mitgenommen, um den Nachtportier zu schonen. Asveld glaubt übrigens, dass wir erst gegen Mitternacht in Amsterdam losfahren konnten und der Fall so sehr drängt, dass wir deswegen heute Nacht noch mit ihm reden müssen.«
»Ich kann nicht mehr ohne dich leben.«
»Warte«, sagte Nel, als ich aussteigen wollte, und zauberte eine Art Häkel- oder Strickmütze hervor, die genau über die kahle Stelle und die Pflaster auf meinem Hinterkopf passte.
Asveld war ein gesetzter Mann in den Fünfzigern mit glattem dunklem Haar, das er hin und wieder mit einer beiläufigen Geste aus dem Gesicht streichen musste. Er bat uns flüsternd, leise zu sein, da seine Frau oben schliefe, und führte uns in ein altmodisches Wohnzimmer mit einer Hängelampe über dem Esstisch und einem schweren Eichenbüfett mit gerahmten Fotos von Kindern und einem Hund. Das Haus war erfüllt von einer unzufriedenen Endstationsatmosphäre und auch Asveld selbst besaß eine ähnlich gekränkte Ausstrahlung, als erwarte er voller Resignation seine Pensionierung, nachdem sich Zeit seines Lebens Schicksal und Vorgesetzte gegen ihn und seine Karriere verschworen hatten. Er schloss die Tür hinter sich, bedeutete uns, am Esstisch Platz zu nehmen, und setzte sich ans Kopfende, wo eine Mappe mit Papieren lag, in denen er offenbar gelesen hatte. »Ich erinnere ich mich noch von der Akademie her an Bart Simons«, begann er. »Aber wir sind uns dort, glaube ich, nicht begegnet?«
»Ich bin erst spät zur Polizei gegangen und Nel ist noch zu jung, als dass ihr euch getroffen haben könntet. Sie hat ihre Ausbildung in Amsterdam absolviert.«
Asveld lachte wiehernd und sagte mit einem bedauernden Unterton: »Ich habe auch schon mal daran gedacht, auszusteigen und so etwas Ähnliches zu machen wie ihr.«
»Ach, ich habe die Entscheidung schon oft genug bereut«, sagte ich, um ihn gnädig zu stimmen.
Er nickte nachsichtig. »Simons hat sich nicht so genau über eure Ermittlungen geäußert«, sagte er dann. »Arbeitet ihr für ein Ministerium?«
Ich schüttelte den Kopf. »Für eine Dachorganisation von Einrichtungen für Behinderte und psychisch Kranke. Nachdem viele von ihnen fusioniert haben, sucht man nach Richtlinien für eine gemeinsame Politik, und die zuständige Kommission hat uns gebeten, ein paar alte Fälle zu analysieren und zu untersuchen, was dabei schief gelaufen ist und warum und welche Veränderungen infolgedessen ratsam erscheinen. Und dieser Fall interessierte uns. Ich bin dankbar, dass du bereit bist, uns um diese Zeit noch Auskunft zu geben, denn wir stehen unter Termindruck, dieser Bericht muss unbedingt fertig werden.« Ich staunte über mich selbst und schaute CyberNel ausdruckslos an, die sich inzwischen an die fantastischen Geschichten gewöhnt hatte, die mir manchmal spontan in den Sinn kamen.
Asveld schien es zu schlucken. »Kein Problem. Ich sitze schon seit einem Jahr in der ehemaligen Kaserne am Schreibtisch, aber zu meiner aktiven Zeit war das einer meiner größeren Fälle. Morde kamen in unserem Zuständigkeitsbereich nicht häufig vor.« Er klopfte auf die Mappe. »Ich habe ein paar Unterlagen mit nach Hause genommen, um mein Gedächtnis ein bisschen aufzufrischen, schließlich ist es schon sechzehn Jahre her. Möchtet ihr Kaffee oder etwas anderes trinken?«
»Wir wollen dich nicht länger aufhalten als unbedingt nötig«, sagte Nel. »Darf ich Du sagen?«
Seine Handbewegung strahlte gesetzte Eitelkeit aus. »Ich heiße Sigbrand, das ist ein alter groningischer Namen, der so viel bedeutet wie das Schwert des Sieges.« Es klang, als fülle er damit Gesprächspausen auf Partys und Geburtstagen. »Bist du Jude?«
Einen Moment lang war ich aus dem
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