Das Gewölbe des Himmels 2: Der Unrechte
vor, am Lesherlauf teilzunehmen.«
Shanbe lächelte. »Das stimmt. Und das hier ist Anais Wendra, die Schülerin der Maesteri werden wird, sobald wir in der Discantus-Kathedrale eintreffen.«
Der Soldat bedachte Wendra mit einem zweifelnden Blick. »So, wird sie das?«, fragte er abfällig. »Wenn man bedenkt, wie viel uns die Lieder der Maesteri bisher genützt haben, würde ich ihr ja eher empfehlen, in einer Taverne zu arbeiten. Da wird sie besser bezahlt.«
Shanbe lächelte weiter. »Es gibt Lohn in mehr als einer Form. Wir werden uns schon einigen.«
Der Inspektor gab Shanbe den Frachtbrief zurück und sah an ihnen vorbei zum nächsten Karren, während er ihnen bedeutete, das Tor zu passieren. Shanbe dankte dem Mann, löste die Bremse und fuhr nach Decalam hinein.
Wendra war von den Gebäuden begeistert und verlieh ihrem Erstaunen so wortreich Ausdruck wie Penit. Shanbe schien ihr unschuldiges Entzücken über die gewaltige Größe der Stadt ringsum zu genießen. Er wies sie auf bestimmte Gasthöfe, Läden und Handelshäuser hin und flocht in seine Erzählungen manchmal ein paar historische Einzelheiten mit ein. Wendra saß auf der Ladefläche des Wagens, hielt sich an der Seite fest und verschlang eine Sehenswürdigkeit nach der anderen mit Blicken, während sie weiterrollten.
Sie passierten hundert Schätze, während die Menschenmenge um sie herbrandete wie Wasser um eine Insel. Dann ließ die Eleganz der Gebäude rechts und links der Straße allmählich nach. Das Mauerwerk wirkte älter, war häufiger beschädigt und fleckig von Jahren voller Regen und Sonne. Die Gebäude selbst waren nicht mehr so hoch, der Mörtel bröckelte und hinterließ Lücken in den Fassaden wie fehlende Zähne. Sonnensegel waren schief über die Eingänge zu den verschiedensten Geschäften gespannt; viele Fenster sahen wie Mäuler voller spitzer Zähne aus, weil nur noch Glasscherben Öffnungen umrahmten, in denen einst ganze Scheiben gesessen hatten. Sogar die Tiere hier spiegelten den heruntergekommenen Eindruck wider, den die Gebäude machten: Pferde mit durchhängenden Rücken und ungekämmten Mähnen und Schweifen und Hunde, deren Fell voller Kletten und Matsch war. Die Menschen gingen mit gesenkten Köpfen einher, die Mäntel und Hosen von schlecht genähten Rissen verzogen, die Stiefel von unzähligen Schritten zu faltig geworden, um noch bequem zu sein. Die Straßen selbst waren hier ungepflastert. Schlammpfützen standen in Schlaglöchern und flachen Gräben am Rand von Gebäuden, wo der Regen von den Dächern strömte und in die ausgewaschenen Rinnen prasselte, die sich zugleich mit Unrat füllten, der aus den Fenstern geschüttet wurde – der Geruch von menschlichem Kot stieg von mehr als einer dieser Stellen auf.
Zwischen den Gebäuden waren Schweine und Ziegen in engen Seitengässchen eingepfercht und warteten darauf, dass es einem Koch belieben würde, sie zu schlachten. Wendra zog sich den Mantel über die Nase, um sich vor dem Gestank des Viehs und der Essensreste, die die Tiere nicht angerührt hatten, zu schützen. Fliegen suchten nach Unrat, um Eier abzulegen, und ihr Summen schwoll an und ab, während Shanbe Wendra und Penit an den vielen billigen Gasthäusern und verfallenen Werkstätten vorbeikutschierte. Wendra konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Ort ein Teil derselben Stadt war, durch die sie hinter dem Stadttor gefahren waren. Ihre und Penits entzückte Ausrufe wichen enttäuschtem Schweigen.
Dann bog der Ta’Opin in eine Querstraße ab, und Wendra vergaß plötzlich, sich den Mantel vor Nase und Mund zu halten. Am Ende der Gasse erhob sich ein großartiges Gebäude inmitten der elenden Umgebung. Vier Mal höher als die nächstgelegenen Häuser ragte die majestätische Kathedrale mit einer Fülle von Turmspitzen und Giebeln auf, die Wendra an ein Schloss erinnerten. Das Dach und die Kuppeln leuchteten grün im Nachmittagslicht, prächtig anzusehen und strahlend.
»Oh«, hauchte Penit.
»Die Discantus-Kathedrale. Ich habe es euch doch gesagt«, verkündete Shanbe.
Jede Umdrehung der Wagenräder brachte sie näher heran, ließ die Kuppeln und die Fassade des großen Gebäudes höher aufragen. Oben in den nachgedunkelten Steinwänden fing Buntglas das Sonnenlicht auf und funkelte violett, scharlachrot, golden, lapislazuliblau und smaragdgrün. Als sie noch näher herankamen, verschwanden die grünen Kuppeln aus ihrem Blickfeld. Als Wendra aufblickte, schienen die Turmspitzen wie in den Himmel
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