Das Lachen und der Tod (German Edition)
Brot und etwas Wasser. Von Reinhard Schmidt. Mit dt. An den Gitterstäben hingen Eiszapfen. Ich brach sie ab und ließ sie in meinem Mund schmelzen. Die Eiseskälte drang durch meine Decke. Ich versuchte, mich warm zu klopfen, aber schon bald stießen meine Hände an die Betonwände. Jeden Abend bekam ich eine nahrhafte Suppe, Brot mit Margarine und manchmal sogar ein Stück Wurst. Reinhard Schmidt. Mit dt. Nicht vergessen.
Es begann zu schneien.
Ich weinte, bis ich mich nicht mehr hören konnte. Doch den Suppennapf zu zertrümmern und mir mit einer Scherbe die Pulsadern aufzuschneiden, das brachte ich nicht fertig. Stiefel und Schuhe knirschten im Schnee. Wieder das polnische Volkslied. Ich sang leise mit, zusammen mit demjenigen, der in Kürze tot sein würde. Rein lautlich beherrschte ich den ganzen Text, ohne seinen Sinn zu verstehen.
Die Luke öffnete sich zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt. Kurz nach Sonnenaufgang, später war es bestimmt noch nicht.
»Raus.«
Raus.
»Raus!«
Ich kroch langsam aus meiner Zelle. Ich rechnete damit, grob hervorgezerrt zu werden, aber dem war nicht so. Ich blieb zusammengerollt liegen, um mich gegen das grelle Lampenlicht zu schützen.
»Aufstehen. Los!«
Stehen. Das ging hier. Ich versuchte, mich aufzurichten, aber mein Körper war viel zu eingerostet. Ich sah einen Mann. Reinhard Schmidt. Mit dt. Reinhard Schmidt, nicht vergessen.
»Laufen. Beine strecken!«
Ich rappelte mich hoch, setzte mich langsam in Bewegung, taumelte. Laufen. Sich bewegen. Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen. Ich berührte meine trockenen, gesprungenen Lippen. Ich hatte lange Haare, fettig und verfilzt. Und einen Bart, in dem Suppenreste hingen. Vertrocknete oder verschimmelte Reste. Nein, vertrocknete.
»Geht’s? Ich trage dich.«
Tragen …
»Du bist doch Komiker, nicht wahr? Kannst du noch lachen?«
Ich reagierte nicht.
Er packte mein Gesicht. »Sieh mich an, verstanden? Reinhard Schmidt. Mit dt. Ich fand schon immer, dass man die Juden nicht ermorden darf. Von mir aus hättet ihr weit weg nach Madagaskar gehen können, damit wir keine Probleme mehr mit euch haben. Ich hab dir Sonderrationen und eine Decke gegeben. Vergiss das nicht! Und jetzt Marsch, nach oben!«
Ich lief durch den Flur, gestützt auf Reinhard Schmidt, und stolperte die Treppe hinauf, Stufe für Stufe.
Ich wurde hastig eingeseift und noch hastiger rasiert von einem Mann, der schwieg. Ich durfte mich mit Wasser und Seife waschen. Dann warf man mir verschlissene Schuhe und eine schwarze Jacke zu. In diesem Aufzug stand ich draußen in der Kälte. Ich musste mich in der Künstlerbaracke melden. Langsam drang zu mir durch, was sie sagten. Frohe Weihnachten.
38
Ich begann zu laufen. Über die verschneite Birkenallee. In welche Richtung? Das Einzige, das bis zu mir durchdrang, waren der kühle Wind und das eiskalte Schmelzwasser, das durch die Löcher meiner abgetretenen Schuhe sickerte. Aber mit jedem Schritt spürte ich, wie mein Blut und meine Gedanken mehr in Bewegung kamen.
Ich lebte noch und war frei. Ich fühlte mich frei, obwohl ich von Wachttürmen und elektrischem Stacheldraht umgeben war.
Ich sah mich um. Niemand folgte mir.
Ich beschleunigte meine Schritte. Mir kamen die Tränen.
Mein Ziel war nicht die Musikbaracke. Später, aber nicht jetzt.
Die hölzernen Wohnbaracken des Außenlagers lagen verlassen in der weißen Landschaft. Die Häftlinge waren bei der Arbeit. Ich sah einen Leichenträger, der wie ein Ochse vor einen Karren gespannt war. Ich zählte vier Leichen, die paarweise aufeinandergestapelt waren. Eine fünfte lag vor Baracke 28. Die hob der Mann ebenso routiniert wie schwungvoll auf seinen Totenwagen. Er ruhte kurz aus und musterte mich eindringlich, so als überlegte er, wie lange es wohl noch dauerte, bis ich seine Fracht wurde. Anschließend lächelte er auf eine Art, die mich an Grosso erinnerte – traurig und beruhigend, aber auch ein wenig aufmunternd, zumindest bemühte er sich. Ich hatte geglaubt, dass nur Clowns so lächeln können.
Vor Baracke 32 sah ich eine einsame Gestalt, die Schnee mit einem an einem Stock befestigten Holzbrett wegschaufelte. Ich sah sie nur von hinten, aber das genügte. Schlomo. Ich blieb stehen und wartete. Er spürte meine Anwesenheit und drehte sich um. Ihm fiel die Kinnlade herunter. Er lief auf mich zu, packte und umarmte mich fest. Ich weinte und er auch, da bin ich mir sicher, wenn auch ohne Tränen. So aneinandergelehnt standen wir
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