Das Lied der alten Steine
plötzlich vor. »Etwas Fröhliches. Da muss es doch auch schöne Stellen geben. Dann legen Sie es für eine Weile weg und kommen mit zum Segeln. Darf ich versuchen, eine fröhliche Stelle für Sie zu finden?«
Sie zögerte.
»Ich werde es nicht beschädigen, das verspreche ich. Ich blättere es nur durch und sehe mir die Schrift an. An der Schrift kann man eine Menge erkennen, wissen Sie.« Er wartete, und als sie nichts sagte, setzte er sich auf das Bett und begann hinter der Stelle, wo sich ihr Buchzeichen befand, vorsichtig zu blättern.
Sie beobachtete ihn stumm und fragte sich, warum sie ihm das erlaubt hatte, warum sie ihn hereingebeten hatte, warum sie ihm die Flasche gezeigt hatte. Warum sie sich, wie ihr jetzt klar wurde, in seiner Gegenwart wohler fühlte als in Andys. Trotz Andys Beschuldigungen. Beschuldigungen, so sagte sie sich, die sie nicht für einen Moment geglaubt hatte!
Er sah plötzlich auf. »Hier, sehen Sie! Das scheint ein gutes Stück zu sein. Schauen Sie, die Handschrift ist federnd und sogar das Bild ist fröhlich. Darf ich es Ihnen vorlesen?«
Sie zuckte die Achseln und setzte sich auf den Hocker.
Am Tag, als sie in Philae anlegten, kehrte Hassan zurück. Die Skarabäus hatte einen Steinwurf entfernt festgemacht und die Dahabiya der Fieldings wenige Meter dahinter.
Mit ruhiger Würde hatte Hassan Sir Johns Erklärung entgegengenommen, dass alles ein Missverständnis gewesen sei, und er glitt so sachte in das Leben auf dem Schiff zurück, als wäre er nie fort gewesen. Die Forresters hatten inzwischen erraten, dass Louisas Beziehung zu ihm inniger war, als sie alle öffentlich zugeben mochten.
Es war dunkel. Louisa schlich an Deck, wo sie Hassan fand, mit dem sie an Land rudern wollte. »Ich habe den Forresters gesagt, dass ich den Fluss im Mondlicht malen will«, sagte sie leise. »Sie versuchen nicht mehr mich aufzuhalten, und Lord Carstairs ist, glaube ich, auf der Lotus und unterhält sich mit Mr.
Fielding, der eine Kamera mitgebracht hat, über das Fotografieren, also sind wir ungestört.«
»Abgesehen von den Bakschischjungen.« Hassan lächelte.
»Sie sind Tag und Nacht da.«
»Aber von denen kann man sich loskaufen?«
»O ja, von denen kann man sich loskaufen.« Er nickte.
Der Mond schien riesig über das Wasser und warf schwarze Schatten über den Sand. Sie spazierten langsam und genossen die intensive Schönheit der Nacht. Die Tempelsäulen, die fernen Hügel, der Sand, alles rundherum hatte sich von Gold in glitzerndes Silber verwandelt.
»Wir gehen oben auf die Mauer«, flüsterte Hassan. »Ich zeige es dir.«
Vorsichtig kletterten sie in der stockfinsteren Nacht die ausgetretenen Stufen hoch und traten dann wieder in das Mondlicht hinaus. Hier oben war es kühler und Louisa zog einen Schal über ihre Schultern. Sie konnten zu ihren Füßen die ganze Insel sehen und im Hintergrund die drei Schiffe wie kleine Spielzeugboote. Im Norden lagen die Kataraktinseln; die Stromschnellen und das Sprühwasser glitzerten im Mondlicht.
Im Süden schlängelte sich der breite, langsam fließende Strom außer Sichtweite. Der riesige Tempel unmittelbar unter ihnen lag still und geheimnisvoll da, wie große schwarze Teiche, zwischen denen die versilberten Säulen standen.
»Willst du hier oben malen, Sitt Louisa?« Hassans Flüstern wirkte in der Stille beinahe erschreckend.
Sie nickte. »Sind wir hier sicher, Hassan?«
Er wusste nicht recht, ob sie sicher vor Carstairs meinte oder vor den Geistern. Vielleicht vor beiden. »Wir sind sicher. Ich packe jetzt aus.« Er breitete den Teppich aus.
Der Fluss lag vollkommen still unter ihnen. Die Forresters auf der Ibis waren schon in ihrer Kabine. Die Fieldings und ihr Gast auf der Lotus hatten die Feinheiten der neuen Kamera bereits ausgelotet und saßen nun an Deck und aßen Sorbet, während Venetia ihnen aus einem Roman von Jane Austen vorlas.
Louisa zeichnete lange. Hin und wieder war sie so überwältigt von ihrer Umgebung, dass sie wie verzaubert dasaß und der Bleistift auf dem Papier still verharrte. Hassan saß mit gekreuzten Beinen einen Schritt von ihr entfernt. Er war seit seiner Rückkehr eher zurückhaltend. Stiller. Nachdenklicher.
»Du denkst viel, mein Freund?«, sagte sie schließlich.
»Ich betrachte die Nacht. Und ich betrachte dich.« Er lächelte.
»Und ich dich. Schau.« Sie hielt ihm das Skizzenbuch hin. Es enthielt ein kleines Bild von ihm; nachdenklich, schön, das verschmitzte Lächeln unverkennbar
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